Der große Imbiss hat geöffnet. Wir sehen ein paar Arbeiter des Winterdienstes beim Frühstück. Einer fragt mich beim Bezahlen, wo es hin geht. Ich sage ihm den Hotelnamen und er antwortet: „Gut. Du kommst aber nicht von hier“. „Ich ein eingewanderter Tiroler und arbeite als Koch. Ich muss leider los.“
„Ein harter Beruf, Koch“, ruft er mir hinterher. Ich winke ihm zur Antwort. Kurz nach der Tankstelle vor dem Landecker Tunnel, ist eine Lawine abgerutscht. Umfahren können wir den Bereich nicht. Wir warten. Der Landecker Winterdienst ist schwer am Buckeln. Auf der Straße liegen auch Baumstämme und einige größere Felsstücke. Wir trinken etwas Kaffee und ich geh mal raus, um zu fragen, wie lange der Einsatz dauert. Sie warten nur auf den großen Bagger. Zum Glück hat es der Straßendienst nicht weit. Deren Stützpunkt ist gleich in der Nähe. Ich sehe schon das Warnlicht des Baggers. Wir warten keine zehn Minuten und die Jungs vom Straßendienst winken uns gleich durch. Ich danke ihnen mit einem Handzeichen. In Joanas Betrieb angekommen, grüßt uns schon der Chef des Hauses. „Schon so früh auf?“, frag ich ihn.
Er müsse noch einkaufen. „Ich bräuchte für ein-zwei Tage Euer Zimmer“, sagt er zu mir. „Ein paar englische Gäste haben mir ein Zimmer versaut. Ich bin aber ausgebucht und habe Nichts mehr frei“, kommt noch hinterher. Joanas Kollegin ist allein auf dem Zimmer. Eigentlich wollte ich noch eine Runde Schlummern. Das fällt gleich mal aus. Wir räumen unsere Utensilien um zu ihr. „Kann ich auch mit Dir schlafen?“, frag ich sie. Sie hätte kein Problem damit. Offensichtlich hat die slowakische Kollegin die Frage nicht richtig verstanden. Joana schon. „Du schläfst in der Wäschekammer“, droht sie. Die Aufbettung steht schon auf dem Zimmer. Die Zeit ist rum und ich darf schon auf meine Arbeitsstelle spazieren. Ich fühle mich etwas müde. Empfangen werde ich wieder vom Samir, dem Hauseigentum. „Wann schläfst Du?“, frag ich ihn und er muss lachen. „Ich hab schon den Gaffee fertsch“, antwortet er trocken auf Sächsisch. In meiner Tasche sind ein paar Schachteln Zigaretten. Ich geb ihm drei. „Geschenkt!“, sag ich ihm. Samir sehe ich eigentlich selten rauchen. ‚Er raucht heimlich‘, denk ich mir. Er bedankt sich und fragt, ob ich ihm eine Stange mitgebracht habe. „Frisch aus Samnaun“, antworte ich ihm. „Haste geschmuggelt?“
„Nein“, sag ich. „Es standen sechs Zöllner am Übergang“. Lächelnd fügte ich dazu, ich habe nur etwas mehr mitgebracht. Die rauchenden Kollegen fahren meist in Gruppe nach Samnaun, um dort auch maximal einkaufen zu können.
Am liebsten sind mir nichtrauchende Mitfahrer, die nur mal so vor die Tür wollen, um etwas Anderes zu sehen. In der Küche bin ich noch allein. Ich setze wie immer, zuerst den Grundansatz an. Englisch Wasser, Brühe und Jus. Im Kühlhaus fällt mir Soltan auf. Er hat schon recht gut vorgearbeitet. Die Gemüse sind geputzt. Die Kartoffeln geschält. Gut gewaschene Gemüseabschnitte hat er schon extra bereit gestellt. Ich brauch es nur nehmen und in die Töpfe geben. Normal setze ich das gern nachts an. Dazu eignen sich ganz besonders die mobilen Bain Maries ohne die Einsätze. Es braucht sicher noch zwanzig Jahre, um moderne, kostenbewusste Hoteliers davon zu überzeugen. In vielen Hotels wird noch mit dem Hauptschalter gearbeitet, der Bestandteil von diversen Brandschutzbestimmungen ist. Ich erlebe das nicht das erste Mal. Mittels Gesetzgebung wird die Einsparung von Energie verboten.
Kaum habe ich die Töpfe auf dem Herd, kommen schon die Kollegen. Mit den Kollegen kommt zu meiner Überraschung auch meine Frau. Sie weint. ‚Oje‘, denk ich mir, ‚sie hat sich mit dem Chef oder mit einer Kollegin verstritten‘.
„Mutter ist gestorben“, sagt sie.
„Meine oder Deine?“, frag ich Joana.
„Meine. Wir müssen gleich los fahren“, sagt sie dazu.
Mein Chef steht schon in der Nähe. „Bei uns bekommst Du für so einen Fall, vier Tage frei.“
„Das wird bei Mutter nicht reichen“, sag ich ihm. „Wir müssten bei ihr auch die Wohnung räumen und noch Einiges mehr.“
„Da muss ich einen Ersatz suchen für Dich“, antwortet der Chef.
„Das schätze ich auch. Zumal dann auch die Feiertage anstehen. Soltan ist schon eingearbeitet. Vielleicht macht er den Ersten und Ihr organisiert Euch einen Zweiten.“ Bei der Gelegenheit erfahre ich, der Chef selbst hat an meinem freien Tag in der Küche mitgearbeitet. Dafür habe ich ihm ein Kompliment gegeben. „Wie war Soltan?“
„Sau gut“, ist seine Antwort. Ich verabschiede mich von meinen Kollegen, pack meine Werkzeuge ein und gehe mit Joana. Nichts mit etwas Schlaf. Jetzt stehen eintausend Kilometer Heimfahrt an. Mein Chef gab mir einen Umschlag in die Hand. „Dein Geld“, sagt er zu mir. „Die Papiere schicke ich Dir nach Südtirol.“ „Danke. Wir sehen uns bei Gelegenheit.“ Auf dem Weg zu Joanas Hotel schau ich in den Umschlag. Der Chef hat zweitausend Euro und eine Auto -jahresvignette für Österreich reingesteckt. Joanas Chef hat uns eine Thermoskanne mit Kaffee und ein paar belegte Brote fertig gemacht. Joana bekommt auch einen Umschlag und den Inhalt des Trinkgeldsparschweines an der Rezeption von den Kolleginnen. Zu Packen war nicht allzu viel wegen dem kurzfristigen Umzug. Wir konnten recht zügig los fahren. Zum Glück ist heute nicht Freitag. Durch Österreich kamen wir recht zügig voran bis kurz vor Kufstein. Dort leuchtet mir plötzlich eine Polizeikelle entgegen, mit der ich aufgefordert wurde, Rechts ran zu fahren. „Sie sind dreißig Stundenkilometer zu schnell.“
„Wie“, frag ich ihn. „Hier sind doch hundertdreißig erlaubt“. Er fragt mich, ob ich nicht den IG-L auf den Leitbrücken gesehen hätte. „Was ist IGL?“
„Das heißt Immissionsschutzgesetz-Luft“, sagt mir der freundliche Gendarm, während er den Strafbefehl ausfüllt. „Das kostet fünfunddreißig Euro.“
„Das beim Tanken eingesoarte Geld holensie sich so zurück?“
„Wir sind fleißig beim Schutz unserer Umwelt“, ist seine Antwort. Im Grunde kann ich das verstehen. Nur eben nicht, warum sie ausgerechnet LKW und Busse, die wirklich sämtliche Straßen und Regionen ruinieren, dort mit hundert Stundenkilometern weiter sausen lassen. Dazu kommt deren Nachtverkehr durch die Alpenländer. Soll einer das verstehen. Wir zahlen ihm das Schutzgeld und fahren gleich noch mal Volltanken nach Kufstein. Im Umfeld der Tankstelle stehen dann schon mal sechzig LKW. Keiner davon voll beladen. Die wenigsten haben österreichische Nummernschilder. Das ist aktive Lagerwirtschaft der Europäischen Union.

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