Ich bemerke gerade, dass ich mir auch den Daumennagel halbiert habe.
„Geb mir mal en richtschen Schluck kaltes Wasser.“
„Das mit dem Nagel dauert ewig, bis das raus gewachsen ist. Ich rufe morgen gleich noch an wegen einem Ersatz für Dich. Mit dem Ding, kannst Du unmöglich arbeiten“, sagt Wolfgang.
„Machst Du alles mit der Krankmeldung fertig?“
„Ich muss mal Joana anrufen wegen dem Auto. Hinfahren kann ich sicher nicht mit einer Hand.“
Ich rufe Joana an und sie sind zum Glück schon fertig mit den Zimmern. Sie sind alle in der Wäscherei.
„Joana, Du hast doch eine Kollegin, die von hier aus der Gegend kommt?“
„Was ist denn?“
„Ich hab mich ganz schwer geschnitten und kann nicht mit dem Auto fahren.“
„Wirste krank geschrieben? Scheener Mist!“
„Das besprech mer oben.“
„Soll ich bei dem Schnee das Auto fahren?“
Joana fährt nicht gern bei solchen Schneemassen. Ich auch nicht. Aber Irgendeiner muss sich überwinden. Und da werden nun mal die Männer vorgeschoben. Eigentlich ist schon Alles gut geräumt inzwischen.
„Ich komme mit meiner Kollegin. Die Wäsche können wir dann noch fertig machen.“
„Bis dann.“
Garbor hat mir inzwischen meine Sachen gepackt. Viel war nicht zu tun. Ich hatte noch nicht komplett ausgepackt.
„Das war ein kurzer Einsatz“, sagt Garbor zu mir. „Zeig mir mal den Schnitt genauer.“
Ich zeige Garbor den Schnitt.
„Das dauert ein viertel Jahr.“
„Bei mir heilt das recht schnell“, antworte ich ihm.
„Das Problem ist der Daumennagel und der Knochen. Du hast auf den Daumenknochen geschnitten und dort die Knochenhaut verletzt.“
„Siehst Du das an der blutenden Wunde?“
„Ja, ziemlich Genau.“
Wolfgang sagt mir, dass die Krankmeldung im Krankenhaus gemacht wird. Er müsste sie nur unterschreiben.
„Wenn es Probleme gibt, rufst Du mich an.“
„Lass mir mal bitte noch einen Verlängerten raus mit Sahne und Zucker. Ich brauch jetzt einen Kaffee. Vielleicht kannst Du mir noch ein Stück Schokolade geben.“
„Du hast schon einen seltsamen Appetit.“ Wolfgang lacht laut.
„Mir ist nur ein bisschen schlecht. Das geht damit weg.“
„Kotz mir ja nicht die Wirtschaft voll. Du kannst derweil etwas Fernsehen schauen im Fernsehraum.“
Wolfgang will etwas Ruhe ins Kollektiv bringen. Es liegen schon ein paar Bons zu lange da. Ich verabschiede mich gleich mit. Kaum sitze ich im Fernsehraum, kommt schon Maria zusammen mit Joana und ihrer Kollegin. Die Kollegin verabschiedet sich gleich. Sie müsste nach Hause.
„Danke Julia.“ Joana fragt mich, wo unser Auto steht.
„Im Parkhaus unten“, sag ich ihr. Gleich vorn rechts.“
Wir verabschieden uns von Wolfgang und Maria. Maria hat feuchte Augen. Wolfgang sagt mir, meien Lohn wird überwiesen und um das Krankengeld kümmert er sich auch..
Joana fährt mit mir zusammen ins Landecker Krankenhaus. Dachte ich zumindest.
„Wir müssen bis Zams“, sagt Joana zu mir. „Wolfgang hat mir beschrieben, wo das liegt.“
„Landeck hat kein Krankenhaus? Als Kreisstadt?“
Das ist in den Alpen keine Seltenheit. Der Platzmangel zwingt die Kommunen, sich genau zu überlegen, wohin sie ihr Krankenhaus bauen. Für die medizinische Versorgung der Menschen in schwer zugänglichen Lagen, benötigt der medizinische Dienst, Hubschrauber und die damit verbundene Logistik. In Bozen und Meran konnte man trotzdem die Krankenhäuser in die Stadt bauen. Das liegt einfach daran, dass diese Städte erst relativ spät, so gewachsen sind. Die Bauherren konnten den Bau eines Krankenhauses samt Areal, rechtzeitig einplanen. Die Südtiroler und deren Gäste, wissen das zu schätzen. Der Widerspruch liegt eigentlich wo anders. Am häufigsten werden die Dienste unserer Krankenhäuser und deren Rettungsdienst von unseren Gästen benötigt. Entgegen der meist medial aufgebauschten Zweiradhysterie, sind es gerade die Bergtouristen, welche die meisten Unfälle verursachen. Der Berg- und Fahrradtourismus, richtet neben dem Schwerlastverkehr, auch den meisten Schaden an der Umwelt an. Dazu reicht ein einfacher Blick in die Straßengräben oder in die Umgebung von Rastplätzen.
Wir sind im Krankenhaus angekommen und werden fürsorglich und sehr freundlich empfangen. Vor uns steht sofort ein Arzt, der sich den Schnitt anschauen möchte. Wolfgang und meine Kollegen, haben mir den Schnitt mit einem Pfund Binden zugeschnürt, nur um die Blutungen zu dämpfen. Bei der Abnahme der Binden, die der Doktor mit einem Ruck abzieht, wird mir wieder leicht schwindlig. Das Blut läuft wie aus einem Wasserhahn.
„Das Messer war schön scharf“, sagt er. „Fast zu scharf.“
„Warum?“
„Du hast in den Knochen geschnitten und sogar die Knochensehne erwischt.“
„Wird jetzt mein Daumen steif dadurch?“
„Nein. Dafür hättest du die Sehne in einer anderen Richtung durchtrennen müssen. Das ist nur verantwortlich für das schlechte Gefühl.“
Er hat offenbar mein Gesicht beobachtet, das mittlerweile, käseweiß ist. Auf der Stirn steht mir kalter Schweiß. Die Schweißtropfen sind so groß wie die Kesselnieten an den Griffen unserer Aluminiumtöpfe. Die Schwester wischt mir den Schweiß ab.
„Hast Du alle Impfungen?“
„Ich komme aus der DDR. Da wurden wir regelmäßig geimpft.“
„Auch gegen Wundstarrkrampf? Das glaub ich gern. Aber Wundstarrkrampf müssen wir trotzdem impfen.“
„Ich weiß das. Macht mir nix.“
Kaum hab ich das gesagt, rauschte das Teil schon in meine Schulter.

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