Innenzirkulation aktivieren, ruhig einen Kaffee trinken und nach fünf Minuten das abgetaute Auto besteigen. Heute probiere ich das mal. Normal geht das vor Hotels nicht. Wegen der Ruhestörung. Bei dem tiefen Schnee ist das Auto aber nicht so stark zu hören. Tiefer Schnee ist ein guter Schalldämpfer. Nach dem Kaffee gehe ich zum Auto und wische den Schnee mit dem Ärmel meiner Motorradjacke ab. Im Winter trage ich meine Motorradjacke. Jetzt kann ich auf Arbeit fahren. Das wird heute weit über eine Stunde dauern. In Richtung Landeck ist auf meiner Spur wenig Verkehr. Ich fahre durch den Tunnel und bin auf meiner Spur fast der Einzige. Kaum komme ich aus dem Tunnel, ist die Straße in Richtung Ischgl komplett im Stau. Die deutschen und holländischen Autofahrer lassen mich nicht mal in die Spur in diese Richtung. ‚Die haben frei‘, denk ich mir. Ich muss auf Arbeit. Das ist der Unterschied. Dafür, dass sie frei oder Urlaub haben, benehmen sich diese Trottel einfach zu stur. Wollen die tatsächlich, drei Sekunden eher als das Auto vor ihnen ankommen? Wolfgang ruft mich gerade an und will wissen, wo ich stehe. Er sagt mir, beim Bäcker in Kappl sind noch ein paar Brötchen zu holen. Ich soll es ihm mitbringen. In Kappl komme ich in einer knappen Stunde an. Der Bäcker wartet schon vor der Tür mit den Tüten in der Hand. Aus der Schlange scheren gleich zwei Autos mit aus. Die Insassen rennen in die Bäckerei. Offensichtlich haben die es eilig in ihrer Freizeit. Der Bäcker muss lachen und sagt, dass er noch gar nicht geöffnet hat. Es wäre fast zu einem Streit gekommen mit den Passanten. „Wir dachten, sie haben geöffnet“, sagen sie zum Bäcker.
„Was möchten Sie denn?“
„Wir möchten nur mal schauen.“
„In zwei Stunden haben wir unser Kino geöffnet.“
„Haben Sie zwei Semmeln für uns?“
„Guten Morgen. Semmeln? Ja! Kostet einen Euro Vierzig.“
Die Leute schauen sich untereinander an als hätte der Bäcker ihr Auto verlangt.
„Ich hätte, pro Semmel, einen Euro verlangt“, sag ich zum Bäcker.
Die Leute klotzen mich an, als hätte ich sie bestohlen.
„Morgen kannst Du bei mir als Verkäufer anfangen. Grüß Wolfgang von mir.“
Beim Bäcker liegt noch ein scheinbar vorzüglicher Kirmeskuchen. Kirmeskuchen ist ein Quarkkuchen mit Streuseln. Der war in der DDR ungeheuer beliebt und gehört zu meinen Leibspeisen. Wenn ich zu Hause meine Eltern und Verwandten besuche, kauf ich bei meinem Lieblingsbäcker drei bis vier Kilo von dem Kuchen. Den kann im Westen, Keiner. Die hantieren eher mit billigem Blätter- und Rührteig. Da möchte ich noch nicht von Weihnachtsstollen, Pfannkuchen und Krabbeln anfangen. Im Tiroler Raum gibt es das auch als Krapfen. Bei uns zu Hause können das auch nur noch wenige Bäcker in alter DDR-Qualität. Man könnte jetzt sagen, es wäre nur eine Gewohnheit und die Erinnerung daran. Im Grunde stimmt das, weil sich unser Gewerbe ziemlich schnell entwickelt. Früher standen Köche und Bäcker noch am Fettbad und haben sich ungeheuer gequält bei der Fertigung von Fettgebäcken. Das wird heute nur noch im kleinen Rahmen so gemacht. Es gilt immerhin zu bedenken, vor einem Fettbad wird reichlich verbranntes Fett eingeatmet.
Im Auto probiere ich den Kirmeskuchen. Er schmeckt vorzüglich. Die Bäcker in Österreich haben eigentlich Glück. Von diversen Herstellern bekommen sie, fertig vorbereitet, Vanille als Auszug. Wir stellen uns das selbst her. Entweder mit Öl oder mit Zucker. Dabei wird die Vanillestange lediglich im Läuterzuckerwasser gekocht, bis sie weich ist und mit einem Mixstab, püriert. Die Zuckerlösung ist lange haltbar und muss nicht kühl gestellt werden. Zudem ist diese Vanille bedeutend ergiebiger als Vanilleersatz. Zu allem Glück, bekommen die österreichischen Bäcker noch die Bäcker aus der DDR, die natürlich auch ihre Rezepte mitbringen. Unser Bäcker hat in seinem Betrieb einen DDR-Kollegen. Hermann heißt er und er kommt aus Thüringen.

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