Beschreibung
Was macht der Saisonarbeiter in seinem unbezahlten Urlaub?
Strand, Baden? Familie besuchen? Freunde treffen? Ein Haus bauen?
Die Wohnung renovieren? Arztbesuche?
Oder?
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Rohformat, unkorrigiert, nicht redigiert,

Leseprobe:
Der letzte Arbeitstag
Nach dem Frühstücksservice ruft Rudolf, unser Chef, alle Mitarbeiter einzeln zu sich ins Büro. Ich soll hinter mir die Tür schließen.
„Wie hat es dir gefallen bei uns hier?“
„Es geht. Ich komme zurecht. Wenn der Herd ein Induktionsherd wäre, könnten wir schneller die Kundenwünsche erfüllen. Zwei mobile Bain – Maries zusätzlich, würden uns die Rennerei ersparen. „
„Wie kommst du mit den Kollegen zurecht?“
„Ich denke, gut.“
„Ich habe etwas Anderes gehört.“
„Ich nicht.“
Rudolf greift einen Umschlag, der vor ihm liegt und übergibt ihn mir. Ich stecke ihn ein und warte, was noch passiert.
„Willst du nicht zählen?“
„Eigentlich nicht. Wenn sie zufrieden waren, ist mehr drinnen. Wenn nicht, werde ich es sehen.“
„Du mußt das noch unterschreiben.“
Er hält mir ein leeres Blatt Papier hin und schreibt darauf eine Summe. Ich lese; rechne.
‚Gut. Mein Monatslohn mit Dreizehntem‘, kein Trinkgeld, keine Abfindung, nichts.
Stille. Es fällt kein Wort. Natürlich will ich jetzt wissen, ob es eine Sommersaison gibt und ob ich der Auserwählte bin.
„Wann beginnt die Sommersaison hier auf der Seiser Alm?“
„Voraussichtlich die erste Juniwoche mit dem Spatzenfest.“
„Wer kocht da?“
„In der Sommersaison kocht nur ein Koch bei uns. Da ist weniger Betrieb als im Winter.“
Eigentlich ist das keine Antwort auf meine Frage. Ich lasse das bei dieser Feststellung.
„Machen wir noch eine Großreinigung zum Saisonende?“
„Das putzen unsere Zimmermädchen mit.“
Der Chefkoch ist zu teuer für zwei zusätzliche Tage, Grundreinigung.
„Bin ich dann fertig nach dem Putzen?“
„Ja. Schönen Urlaub.“
„Gleichfalls.“
Kaum bin ich zurück in der Küche, empfangen mich meine Mitarbeiter. Wir sind nur drei Personen, ein Abspüler und ein Zweiter Koch.
„Kommst du wieder?“
„Ich weiß es nicht.“
Wir drücken uns. Joseph, mein Zweiter Koch, ein Slowake, küsst mich.
„Mach mir ja keinen Knutschfleck! Joana wird eifersüchtig.“
„Ruf mich an, wenn Du eine Stelle hast. Ich komme dann nach.“
„Mach ich.“ Wir tauschen unsere Telefonnummern. Ich gebe Joseph noch meine Emailadresse.
Mori, der Hausmann und Abspüler, gibt mir die Hand und wünscht sich, mich in der kommenden Saison hier sehen zu dürfen.
Zu Packen ist nicht viel. Ich bin fast täglich nach Hause gefahren.
Jetzt gilt es, Joana abzuholen. Joana ist in Reischach. Ein Mal pro Woche habe ich sie dort besucht. Natürlich zusätzlich zu dem einen freien Tag, den wir fast immer zusammen genommen haben.
In diesem Winter haben wir wieder keine Stelle zusammen bekommen. Der wöchentliche Besuch meiner Frau hat uns reichlich Ärger bereitet.
Einmal bin ich auf einen Eisblock aufgefahren, der sich von den Felswänden in der Völs gelöst hat. Die Reparatur kostete fünftausend Euro. Joana hat geweint am Telefon, als ich nach dem Unfall anrief. Ihre erste Sorge betraf nicht den Zustand des Autos. Sie dachte, ich hätte mich dabei verletzt.
Ein anderes Mal stand ich fast zehn Stunden im Stau.
Trotzdem ich eine bequemere Route benutzte. Die über Klausen. Ich konnte nach dem gemeinsamen Frühstückskaffee, gleich wieder zur Arbeit fahren. Generell war jede Fahrt mit der Sorge verbunden, wegen Umständen, Joana nicht besuchen zu können oder zu spät auf Arbeit zu kommen. Das Wetter in den Bergen ist zu tückisch, um feste Zusagen einhalten zu können.
Auf der Fahrt gehen mir oft Dinge durch den Kopf, die ich fast schon in Selbstgesprächen zu lösen versuche.
‚Was treibt mich, abends, nach einer Fünfzehn stündigen Arbeit an, unbedingt meine Frau in über hundert Kilometer Entfernung, regelmäßig besuchen zu wollen. Eifersucht?‘
„Hat sie endlich einen neuen Freund, deine Frau?“, fragte mich Joseph oft.
„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, antworte ich meist und Joseph lacht dazu. Joseph kennt meine Joana.
Ist es Liebe, was mich regelmäßig zu meiner Frau treibt? Oder ist es die Sucht nach Abwechslung? Endlich einmal das schwarze Loch von Küche zu verlassen. Die teilweise herrisch wirkenden Familienmitglieder des Chefs. Wer ist eigentlich der Chef? Alle Familienmitglieder oder nur einer von ihnen? Manchmal hat man den Eindruck, selbst die Kinder der Chefs sind selbst der Chef. Man bekommt ein Familienleben vorgeführt, bei dem es keine Einschränkungen zu geben scheint. Jeder Wunsch der Kinder wird irgendwie erfüllt. Wir erarbeiten das. Der Dank dafür, fällt oft bescheiden aus.
Ich komme nicht selten zu dem Ergebnis, mich zieht es förmlich weg von dem Ort. Ich möchte nicht auf einem Zimmer sitzen und sinnlos in einen Fernseher glotzen, in dem nur vier Programme laufen. Ich möchte nicht mit Kollegen saufen und oberflächliche Gespräche führen. Meine Zeit ist mir dafür zu schade.
Tageslicht sehe ich nie. Ich komme bei Nacht und fahre in der Nacht. Tageslicht sehe ich höchstens während einer Zigarettenpause.
Dort, wo das Personal die Zigarettenpause machen darf, scheint nie die Sonne. Nicht selten ist es im Keller oder neben den Mülltonnen. Mehr Freiheit wird uns selten zugestanden. Und selbst diese Freiheit wollen uns diverse Kreaturen verbieten. In den Zimmern darf nicht geraucht werden. Rauchpausen werden vom Lohn abgezogen. In den meisten Fällen, bekommen wir diese Befehle von den Erbinnen der Leistung der Eltern. Wie soll man diese Kreaturen betiteln? Chef wäre dafür eher ein Lob. Komisch. Deren Kleiderschrankinhalt haben wir erarbeitet. Auch den dreiwöchigen Tauchurlaub in Hurghada.
Die Straßen sind relativ leer für das Saisonende. Auf den Hauptstraßen ist Stau im Rückreiseverkehr gen Norden. Gelegentlich sehe ich ein paar Landsleute auf einem Motorrad. Sie nutzen die kommende Ruhe in den Bergen für ihre Touren. Noch sind einige Gasthäuser geöffnet. In ein zwei Tagen sind auch die geschlossen. Saisonarbeiter brauchen keine Gaststätten, scheint die Einstellung zu sein.
Auf meiner Straßenseite im Pustertal, die ich fahre, ist kaum Verkehr. Der Gegenverkehr staut an bestimmten Stellen. Vor allem, an den Mautstationen, an Kreuzungen und Auffahrten. Die Einheimischen scheinen diesen Verkehr für Ausflüge zu meiden. Es gibt zu viele Unfälle.
Ich fahre über Sankt Lorenzen nach Reischach. In Brunneck ist mir zu viel Verkehr. In der Ruhe an weltberühmten Sehenswürdigkeiten entlang zu fahren, gibt mir kein besonderes Gefühl. Wohl in der Kenntnis, zu Hause, unendlich viele dieser Sehenswürdigkeiten in der Not verlassen zu haben.
Joana soll noch vier Tage arbeiten. Ich darf mit ihr im Personalzimmer meine ersten vier freien Tage verbringen. Das Personalzimmer ist kein Hotelzimmer. So ein Sterne – Zimmer könnten wir uns eh nicht leisten. Die Zimmer kleinerer Pensionen finden wir persönlicher eingerichtet und nicht selten, bedeutend sauberer. Eigentlich ist das Zimmer ein Zweibettzimmer. Die Kollegin ist aber schon abgereist. Den Grundputz müssen also nicht alle Mitarbeiter leisten. Es scheint bessere zu geben. Die Zimmerkollegin war einheimisch. Sie muss schon wieder auf ihrer Sommerstelle sein, sagt sie. Ich nicht. Joana schon. Aber das ist wahrscheinlich nicht so wichtig.
Von der Familie, welche das Hotel führt, treffe ich Keinen. Dafür aber zwei Kolleginnen von Joana. Eine Slowakische und eine Kroatische. Die Kroatische Kollegin ist schon weit über zehn Jahre im Betrieb und kennt sich sehr gut aus. Sie kocht das Personalessen, welches die Köche schon fertig eingefroren haben. Sie müssen mit mir schwesterlich teilen. Ich war nicht im Versorgungsplan berücksichtigt worden. Joana schickt mich in die örtliche Kaufhalle, uns etwas Kuchen, Geflügel und Brot zu versorgen. Sozusagen, als Kostgeld für Joanas Kolleginnen.
Die Frauen beeilen sich. Sie sind in zwei Tagen fertig. Das erste mal sehe ich Familienangehörige der Chefs. „Die Familie ist schon im Urlaub“, sagt mir eine Mutter der Familie. Sie ist die Urlaubsvertretung.
„Da ist ja gut, dass wenigstens die Familie in den Urlaub kommt“, antworte ich der Mama. Sie kontert mit einer Reaktion, die ich eher als abweisend einstufen würde. Ich kann bis heute nicht unterscheiden, welche Reaktion als mitfühlend und welche als kritisch zu betrachten sind. Kleine Völker, wie wir sie auf Inseln oder im Gebirge treffen, neigen eher zu einer Verschlagenheit. Ehrliche Reaktionen brauchen wir hier nicht erwarten. Gerade die Verschlagenheit hat diese Völker vor dem Untergang, vor Ausrottung oder vor Plünderungen bewahrt. Die liebenswerte Eigenart sehe ich nicht unbedingt kritisch. Joana und ich können damit sehr gut umgehen. Die Erziehung in der DDR hat uns eher zu recht friedfertigen Menschen werden lassen. Not war uns praktisch ein Fremdwort. Auch eine besondere Angst blieb uns erspart. Es gab sehr wenig Kriminalität und Betrug war uns ein Fremdwort.
Joana bekommt wie ich, ihren Lohn in einem Umschlag. Jetzt ist der günstigste Zeitpunkt, Kasse zu machen. Wir öffnen unsere Umschläge und zählen den Inhalt. Trotz des relativ hohen Betrages, zieht bei uns Ernüchterung ein. Urlaubsgeld und Zuschläge sind auf Basis des Tariflohnes bezahlt worden. Die vorher ausgemachten Löhne, verschwanden bei dieser Abrechnung. Zusammengerechnet, fehlen damit ein paar tausend Euro. Als Saisonarbeiter fehlen uns jetzt die Kenntnisse, welchen Ansprechpartner wir in dieser Situation zu wählen hätten. Ich möchte das am folgenden Tag telefonisch klären. Das nehmen wir uns vor. Die Mutter der Familie fühlt sich nicht zuständig. Wir sollen mit dem Chef reden. Aber der ist schon von Dannen. Eine Klärung ist hier leider erst in einem Monat möglich. Bei mir auf der Seiser Alm könnte das noch gelingen. Die Familie ist noch da. Das vermute ich. Genaueres weiß ich nicht.
Unsere Heimfahrt treten wir erst in der Nacht an. Zum Glück. Tagsüber wären wir sicher in den Werksverkehr geraten. Und der ist auf der Pustertaler Straße ähnlich schlimm, wie auf der Vinschger.






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