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Leseprobe – Ostmigranten

Mölten

„Wir müssen das vorsichtig angehen und auf Vorkasse bestehen“, sagt er zu Georg.

Auf der Sparkasse erhöht er das Limit des Geschäftskontos. Die Kasse tut das nicht kostenlos. Der Zins steigt auf zwölf Prozent.

„Wenn sie ihre Firma etwas vergrößern, können wir ihnen Sonderkonditionen aus Fördermitteln anbieten“, sagt der Westvertreter der Sparkasse. Konrad wundert sich, warum er nicht mit den Personen spricht, die er schon lange kennt. Auch auf seiner Handwerksbank sprach er ausschließlich mit Personen aus dem Westen. Keiner kannte die Gegebenheiten der DDR. Meist wurde ihm dann ein ehemaliger Angestellter der Bank vorgeführt. Als Abteilungsleiter. Er spricht nie mit seinen Bekannten wie früher. Keiner kennt seinen Betrieb und sein Umfeld.

„Wir können ihnen den Kontokorrent erhöhen. Sie müssen dafür Sicherheiten anbieten“, sagt der Westangestellte.

„Was für Sicherheiten? Wollen sie meine Frau?“

„Wir möchten eher etwas Handfestes.“

„Sie kennen meine Frau nicht.“

„Haben sie Autos, Häuser, Grundstücke oder Wertgegenstände?“

„Sie wissen das doch von ihrem Kennzeichen – D. Die Partei hat uns alle Wertgegenstände gestohlen. Sie kommen zu spät.“

„Das wird schwierig.“

„Ich habe einen Balkanschreck. Ein sehr gutes Fahrzeug. Leider sehr durstig.“

„Da können wir höchstens ein Tausend DM Sicherheit geben.“

‚Der tut so, als kenne er sich aus‘, denkt sich Konrad.

„Ich hab noch einen ZUK. Der ist etwas sparsamer.“

„Gehört das Haus ihnen? Die Werkstatt?“

„Schon. Aber damit verdiene ich unseren Lebensunterhalt. Als Sicherheit kann ich das schlecht einsetzen. Ich kaufe ja für das Geld Rohre, Baumaterial und Installationszubehör. Das ist doch Sicherheit genug.“

„Na. Das ist ja ein ganz anderer Kredit, den sie benötigen. Ein Umlaufmitteldarlehen.“

„Wie funktioniert das?“

„Die Ware, die sie verbauen, gehört ihnen erst, wenn es bezahlt ist.“

„Wenn meine Leistung bezahlt ist, ist die Ware aber nicht mehr mein.“

„Ja. Und dafür ist dieses Darlehen.“

„Zinsen?“

„Fünfzehn Prozent.“

„Kommt ihnen das nicht etwas hoch vor?“

„Das ist der Marktpreis. Sie können aber Fördermittel dafür beantragen.“

„Das macht?“

„Etwa fünf Prozent. Das kostet sie aber Etwas.“

„Das würde dann aber teurer als fünf Prozent?“

„Bei recht kleinen Mengen, ja!“

Konrad überlegt. Bei recht kleinen Mengen mit Vorkasse, wird er kaum das Kontokorrent benötigen.

„Maximal zehn Tausend.“

„Das geht recht unbürokratisch.“

Die Zwei liefern ihren Einkauf auf die erste Baustelle. Udo hilft tatkräftig. Im Erdgeschoss richten sie ihre Werkstatt ein. Wasser, Heizung. Alles ist abgestellt und leer gelassen. Die ersten Installationen haben sie bereits demontiert.

Zur Feier des Tages, lädt Konrad – Georg samt Familie zum Essen ein. Marina bringt Blumen mit.

Nach einer Woche, geht Konrad mit der Wochenrechnung zu Gerd.

„Wie vereinbart. Meine Wochenrechnung“, sagt er zu Gerd.

„Ich überweise das“, ist seine Antwort.

Nach der zweiten Woche ist das erste Haus fertig. Gerd, der Investor, geht das begutachten.

„Einwandfrei“, ist seine Feststellung. Nina, seine Frau aus der DDR, gibt ein paar Komplimente.

„Ich kenne die Wohnungen und Häuser noch persönlich“, gibt sie zum Besten. Offensichtlich hat der Investor einen Tipp von Nina bekommen. Ihre Eltern haben in Glauchau gewohnt. In einem dieser Häuser.

Konrad übergibt ihm die zweite Wochenrechnung. Der reicht die umgehend zu Nina weiter.

„Die erste Überweisung konnte ich noch nicht finden.“

„Ich habe Probleme mit meinem System hier“, antwortet Nina.

„Dann geben sie mir das Geld doch so“, sagt Konrad. „Ich muss das nächste Material einkaufen.“

Nina schreibt einen Scheck aus und drückt Konrad zehn Mark in die Hand.

„Für die Scheckgebühren.“

„Scheckgebühren?“

Konrad wundert sich über diesen Betrag.

„Es kostet Geld, einen Scheck einzulösen“, sagt Nina.

„Für Was wollen die noch Alles unser Geld? Die haben unseres doch bereits geklaut. Samt Bank.“

Nina antwortet vorerst nicht. Nach einiger Überlegung, sagt sie: „Ihr wart doch pleite!“

Konrad kann das aus Mangel an Kenntnissen nicht beantworten. Er senkt den Kopf. Nach Unten spricht er: „Ich brauche trotzdem Geld für den Einkauf.“

Mit dem Scheck geht er zur Sparkasse. Die bucht den Betrag auf sein Konto.

Konrad lädt seine Kollegen zum Abendbrot ein. Sie besprechen den kommenden Einkauf.

„Das zweite Haus wird teurer“, sagt er der Familie. „Ihr müsst Alle helfen.“

Udo und Anita sind einverstanden. Gerd hat sie bestochen. Er hat ihnen recht großzügig Geld gegeben. Udo träumt schon von einem Auto. Einem Westauto. Noch drei Überweisungen und er kann eins kaufen.

Anita geht das Thema bedeutend sparsamer an. Sie liebäugelt mit einem Motorrad. Einer neuen MZ.

Konrad geht mit Georg und seinen Kindern zusammen das Material einkaufen.

„Auf Rechnung, wie immer“, fragt die Buchhalterin des Großhandels.

„Ja gerne.“

Konrad möchte recht ehrlich arbeiten. Er ist das von der DDR her gewöhnt. Die DDR – Behörden haben Fehlbuchungen sofort bemerkt. Drei Telefonate und der Säumige bekam Besuch. Der erste Besuch galt eher einer freundlichen Aufforderung, den Fehler zu korrigieren. Ab dem zweiten Besuch, wurde das schon bedeutend übersichtlicher. Dafür sollten dann die Belege präsentiert werden. Die Prüfung wurde als Inventur bezeichnet. Konrad hat das schon einmal erlebt. In Leipzig.

Beim dritten Besuch sollte man nicht unbedingt ein großes Auto in der Garage haben. Das wurde gepfändet. Nicht wie im Westen. Nein. Die fällige Schuld wurde mit fünf Prozent Zinsen als Darlehen ausgegeben. Sobald etwas Betrug oder andere kriminelle Handlungen entdeckt wurden, gab es Bewährung oder Knast. Je nach Schaden. Der Schaden war stets zum Nachteil des Volkseigentums. Aus dem Grund, hat das Volk als Geschädigter, ständig Vertreter im Gericht. Als Schöffen genauso wie als Zeugen. Wehe, es stellte sich heraus, der Beschuldigte hätte das Volk beschissen. Aber dann. Wer lässt sich schon gern beklauen?

Konrad entschied sich, die Arbeit still zu legen bis Geld kommt. Georg ist damit arbeitslos.

Jetzt lernte Georg eine Bürokratie kennen, die jedem menschlichen Bewusstsein zuwider laufen. Er als Geschädigter und Betrogener, sollte etwa vierhundert Seiten Papier ausfüllen. Immer mit den gleichen Daten. Name, Familie, Geburt, Beruf, Bildung und so weiter. Keine dieser Stellen gab ihm Arbeit. Schon gar nicht sein Geld. Aber Stempel. Massenhaft. Die Stempelsammlung erreicht mittlerweile einen Umfang von Siebzig. Orden ist keiner dabei. Orden für Qualen.

Der Vermieter droht schon. Georg beschwichtigt ihn mit dem Amt.

„Ich soll auf das Amt rennen wegen ihrer Schulden?“

„Die haben mir gesagt, sie bekämen ihr Geld vom Amt.“

„Von diesen stinkfaulen Trotteln? Sie wollen mich wohl verarschen?“

Der Besitzer von Georgs Wohnung ist Südtiroler. Rechtsanwalt Lukas aus Brixen. Er hat in Sachsens Häuser investiert. In Hochzinszeiten. Damit ist auch er beschissen worden. Wie scheint, hat bei ihm die Deutsch-Tiroler Freundschaft, Schaden genommen.

Er hat Georg das Wasser und das Gas abgestellt. Georg könnte jetzt Anzeige erstatten. Es warten wieder achtzig Seiten Papier zum Ausfällen mit seinen persönlichen Daten. Zeiten ohne Geld. Von dem angeblichen Amt jedenfalls, bekommt er bisher nichts. Es dauert auch seine Zeit, sich durch vierhundert Seiten Papier zu wühlen. Die Besatzer sind immerhin daran interessiert, ihre Beamten mit reichlich Arbeit zu versorgen. Arbeitsplatzsicherung, nennen die das.

Georg jedenfalls braucht jetzt Geld. Das, was ihm geschuldet wird. Seine Spareinlagen haben ihm ja schon seine Besatzer zur Hälfte geklaut. Nicht zu Hälfte. Den Betrag über fünf Tausend, war zu achtzig Prozent fällig.

Georg erfuhr, von diesem Geld haben die Beamten auf der Reitzenhainer Straße zwischen Karl-Marx-Stadt und Chomutov, tschechische Kinder gevögelt. Die andere Truppe hat sich vom gestohlenen Krankenkassengeld, in der Karibik einen Kinderpuff gebaut. Deren Kollegen haben das offiziell verurteilt. Trotzdem fliegen sie regelmäßig dahin, um das Investment zu begutachten. Sie setzen den Flug sogar als Kur ab. Wegen Überarbeitung.

Die medizinische Behandlung nach dem Besuch des Puffs, verrechnen sie sich großzügig. Mit einer ansteckenden Krankheit und reichlich Freizeit.


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2 Kommentare zu „Leseprobe – Ostmigranten“

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