G-KP2FRJ78B3

Die Seniorenrevolte (Arbeitstitel)

KhBeyer

Die

Seniorenrevolution

Erna stochert mit der Gabel im Essen vor ihr auf dem Tisch. Im Hintergrund, leise, eine Operette aus dem Lautsprechern. In Stereo. Der Zigeunerbaron. Frieda neben ihr, würde gleich mitsingen, statt zu essen. Sie hat die Aluminiumfolie auf der Aluminiumschale vor ihr noch nicht geöffnet.

„Wie schmeckts?“, fragt sie Erna.

„Frag erst mal, wie es riecht.“

Frieda geht mit der Nase über die Aluminiumschale vor Erna.

„Was ist das?“

„Kasseler, Bratkartoffel, Sauerkraut steht auf dem Plan.“

„Das sieht recht gut aus.“

Einen Bissen hat Erna schon probiert. Und wieder ausgespuckt.

„Das Fett schmeckt alt.“

In der Aluminiumschale liegt ein mittelgroßes Stück vom gepökelten Schweinebauch. Erna ruft die Schwester. Magda. Magda kommt aus Polen. Sie spricht gutes, aber gebrochenes Deutsch.

„Der Bauch ist nicht frisch. Geben sie mir mal einen anderen Teller.“

Mit Teller hat Erna etwas übertrieben. Sie wollte Missverständnisse vermeiden.

Magda prüft den Geschmack und den Geruch.

„Du Recht hast. Ich Neuen holen.“

Magda ist sehr schnell. Die neue Aluminiumschale ist noch geschlossen. Magda probiert.

„Auch nit gut. Ich Neue hole.“

Magda geht in die Küche und kontrolliert die Beschriftungen auf den Aluminiumdeckeln der übrigen Schalen. Hamid, die pakistanische Küchenhilfe fragt, ob etwas passiert ist.

„Soll ich aufwische?“

„Ne. Ich nur neuen Teller brauche.“

Hamid geht an den Umluftofen und öffnet die Tür. Er zieht die einzelnen Einschübe heraus und kontrolliert das Datum.

„Hier iss!“, ruft er.

Tatsächlich hat er drei Schalen auf dem Einschub mit jüngerem Datum stehen.

„Den ich nehme.“

Magda trägt die Schale zu Erna.

„Ich habe Probe. Gut.“

Erna probiert und dankt Magda aufrichtig für ihre Mühe.

„Wie kann das passieren?“, fragt sie.

„Ich nicht verstehe. Normal, wir altes Essen wegwerfen.“

Tatsächlich werfen die Angestellten abgelaufenes Essen weg. Zumal sie nicht wissen, wie frisch die Rohstoffe vor der Zubereitung waren. Dazu sind sie auch vergattert worden bei unzähligen Schulungen.

korr

Bei den Schulungen redete kaum Jemand über das Essen. Auch nicht über die Betreuung der Älteren. Nein. Sämtliche Schulungen waren Werbeveranstaltungen für kostenpflichtige Weiterbildungskurse. Das Geld dafür, sollten sie beim Amt persönlich beantragen. Die haben ihre Arbeiter los geschickt, um für sie auf dem Amt um Geld zu betteln.

„Wie wird das Essen vernichtet?“, fragt Erna interessiert.

„Wir sammeln auf einem Wagen„, ist Magdas Antwort.

Die Älteren verabreden sich zur Kontrolle des Vorgangs.

Wie kommt älteres Essen zu dem frischen?

Friede, Ernas Freundin, möchte jetzt mit der Chefin sprechen. Angela, die Chefin der Weißen Tulpe, empfängt sie. Gegen Termin, sagt sie. Im Moment hat sie keine Zeit. Sie hat einen Pressetermin. Es geht um die Gewinnung von Sponsoren.

„Wer liefert unser Essen?“

„Iss gut“, antwortet Angela.

„Iss gut“ ist die Firma, die das Essen kocht und verpackt. Erna möchte kein großes Aufsehen provozieren. Sie ruft Monika an. Monika erzählt das Toni auf ihrer Aschbacher Hütte. Erna kennt Toni noch aus dem Schnalstal.

„Macht mir bitte kein Aufsehen. Ich möchte nur wissen, wie abgelaufenes Essen in das frisch gekochte Essen gerät.“

Monika hat bei Gabriel von „Iss gut“ schon gekocht. Sie kennt ihn persönlich Gabriel wollte ihr immer etwas an die Wäsche. Er hat extra in der Wäschekammer, die auch als Personalgarderobe dient, Kameras eingebaut.

„Wegen den Diebstählen von Betriebswäsche“, sagte er.

Monika war fast immer die Letzte, die den Betrieb verließ. Sie hat die Essengutscheine abgerechnet. Gabriel hat ihr das vorsätzlich anvertraut.

Eigentlich sind im Betrieb Garderoben und sogar ein Duschraum. Monika hat das vorsätzlich nicht benutzt. Gabriel hat sie mal nach dem Duschen in der Garderobe besucht.

„Soll ich dich abtrocknen“, fragte er.

Seine Hand war schnell an der Stelle, die Monika eigentlich Freude bereiten soll. Monika hat sich das der Ausbildung wegen mehrmals gefallen lassen. Schon nach dem dritten Versuch, verzichtete sie auf das Duschen und die Garderobe.

‚Verschwitzt wird er mich meiden‘, denkt sie sich.

Tatsächlich hat das geholfen. Gabriel kam trotzdem noch oft. In die Wäschekammer. Bis auf ein paar lästige, prüfende Berührungen, war das Peinlichste abgestellt.

Monika schickt Toni. Gabriel kennt auch Toni. Seit er von der Ehe mit Monika weiß, ist er vorsichtig geworden. Toni hat ihm mal paar wirkungsvolle Watschen verpasst. Das hat geholfen. Seit dem, trägt Gabriel Zahnersatz. Für schmerzvolle dreißig Tausend.

„Ich möchte von dir wissen, ob du abgelaufenes Essen neu auslieferst.“

„Das geht bei uns beim besten Willen nicht“, antwortet Gabriel. „Dafür werden wir viel zu hart kontrolliert. Wenn dann noch eine Anzeige käme, wäre das mein Ende. Dazu Knast.“

Toni sieht das ein.

„Du legst ja auch Proben weg.“

„Naja. Wenn ich altes Essen verarbeiten würde, käme das sicher nicht zur Probe.“

„Kann das ein Fahrer machen?“

„Ausgeschlossen! Die werden genau abgerechnet.“

„Was passiert mit dem Rücklauf?“

„Wir müssen Fleisch von den pflanzlichen Beilagen trennen. Fleisch kann nicht ins Futter gegeben werden.“

„Was passiert damit?“

„Viel ist es nicht. Unser Personal nimmt das mit nach Hause. Ich protokolliere das sicherheitshalber.“

Toni verabschiedet sich freundlich. Gabriel möchte ihm Fleisch vom heutigen Tagesgericht mitgeben. Toni nimmt das Angebot an.

„Besuche uns mal auf der Hütte oder bei Monika auf der Boxerhütte.“

„Gerne. Ich wollte schon lange Mal Monika mal wieder sehen.“

korr


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Ein Kommentar zu „Die Seniorenrevolte (Arbeitstitel)“

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