Natürlich muss ich mich, wenn ich die aktuelle Saison abbreche, umgehend um eine neue Arbeit bemühen. Ihr Telefonanschluss ist noch in der Küche. Unmittelbar neben dem Arbeitsplatz. Als Saisonkoch muss ich natürlich an jedem Ort mobil ins Internet kommen. Dazu führe ich immer ein Telefonkabel, ein Modem aber auch ein modernes Handy mit. Am liebsten benutze ich natürlich ein Notebook. Handys sind mir einfach zu klein, zu langsam und zu umständlich. Mit einem Notebook geht die Arbeit einfach schneller. „Ich muss schnell noch nach einer Arbeit schauen“, sag ich zu Mutter. „Du kennst Dich ja aus hier“, antwortet sie. „Du kannst wohl nicht wieder zurück an Deine jetzige Arbeitsstelle?“ „Nein, dazu sind wir einfach zu lange weg und das ist ein Saisonbetrieb“. Mutter hat keine Vorstellung von dem Gewerbe in den Alpen. Drei oder vier Tage frei nehmen, geht dort nicht als Koch. Das wird auch von den Wirtsleuten kaum akzeptiert. Eigentlich müsste man eine entsprechende Freistellung bekommen. Ich persönlich hatte das „Glück“ noch nie. Im Gegenteil. Neben dümmsten Drohungen, wurden mir nicht selten schnell noch, persönliches Werkzeug, Kochwäsche oder gar Privatgegenstände aus dem Zimmer gestohlen. In nahezu allen Fällen, verschwanden auf wundersame Weise, Teile meines Lohnes. Entweder, wurde er gar nicht bezahlt oder mit lächerlichen Begründungen, erheblich gekürzt. Nach der Methode: „Wir müssen jetzt einen neuen Koch suchen. Das ist teuer!“ Nebenbei bemerkt, stehen diverse Betriebe ständig in den jeweiligen Vermittlungsbörsen. Der Koch bezahlt sozusagen, die Blödheit seines Arbeitgebers mit seinem Lohn.
Bei meiner Suche fielen mir einige Angebote in der Nähe meines alten Arbeitsplatzes auf. Ich hab mir schnell die Seiten abgespeichert und allen, vorab, eine Bewerbungsmail geschickt. Joana hat da etwas mehr Glück. Ihr Betrieb hat sie freigestellt. Egal, wie lange die Trauerarbeit dauert. Bei Köchen scheint das auch etwas komplizierter zu sein. Sie telefoniert gerade mit ihrem Chef. Er hat auf dem Handy angerufen. Mitgefühl seitens der Arbeitgeber ist normalerweise ein Fremdwort gegenüber Wanderarbeitern. Ihr Chef zeigt aber Mitgefühl. Geheuchelt, aber etwas.
Nachdem meine Bewerbungen raus sind, wäre ja noch etwas Zeit, ein Kurzschläfchen zu halten. Ehrlich gesagt; ich bin müde, sehr müde. Im Augenblick brächte ich jedoch kein Auge zu. Der gesundheitliche Zustand meines Vaters lässt mir keine Ruhe. Ich setze mich mit Joana noch etwas zu ihm. Er wirkt sehr verbittert, innerlich weinend. ‚Da kommt zum Ableben der Mutter noch der Zustand meines Vaters‘, denk ich mir. Eigentlich wäre das ein Grund, zu Hause zu bleiben. Ohne Geld zum Leben. Ich könnte jetzt auf das Amt gehen und versuchen, eine Arbeitslosenstütze zu greifen. Für einen Saisonarbeiter, der in den Alpenländern dient. Mir geht gerade die Antwort dieser Sesselfurzer durch den Kopf: ‚Arbeitslosengeld müssen Sie dort beantragen, wo Sie arbeiten‘. Dafür haben diese Ganoven die DDR annektiert. Das erspare ich mir und meiner Frau. Auch unserer Familie, die uns gern helfen würde. So eine Hilfe verletzt in erster Linie den Stolz. Persönlicher Stolz ist mir schon mal viel wert.
Mein Vater sitzt am Tisch, als hätte er innerlich mit dem Leben abgeschlossen. Das ist kein gutes Zeichen. Er jammert wie ein kleines Kind. Ich würde ihn jetzt fragen, an was er sich klammert. An eine Buckelei von früh bis in die Nacht? Es muss etwas anders sein. Gäste! Er liebt bestimmte Gäste. Er ist enttäuscht, mit seinen Bekannten keinen Spaß und keine Unterhaltung mehr haben kann. Ich hab nicht an die süchtige Wirkung von Kontakten gedacht. Mein Vater ist in ein stilles Loch gefallen. Ich mach mir jetzt Gedanken, wie ich ihn in der kurzen Zeit unseres Aufenthaltes zu Hause, da wieder heraus holen kann. Das geht nicht. Versuche, übers Essen zu reden, prallen ab. Neuigkeiten? Da zeigt er ein Verständnis, als würde ich von einer anderen Welt reden. Kaum Interesse. Mutter schleicht die ganze Zeit um uns herum und folgt meinen Anstrengungen. Ihre Kommentare bringen mich ziemlich durcheinander. Eigentlich wollte ich noch wissen, was passiert ist. Wie es dazu kam es, Vater plötzlich mit so einem Kasten herum schleichen zu sehen? Die Erzählungen sind erschütternd. Was soll ich jetzt machen? Wie ein Kasper rumspringen? Deprimierend. Was soll ich jetzt sagen? Der Defibrillator ist eine Verlängerung der Todeszeit. Auf keinem Fall ist er eine Verlängerung der Lebenszeit.
Christore kommt mit dem Kaffee. Vater winkt ab als er Christore sieht. Ich frag mich, warum? Christore hat ein Gemüt, das ihm in der Situation fehlt. Vater wirkt abweisend. Christore war keine Schönheit. Sie ist auch keine. Obwohl ich gestehen muss, sie ist im Alter schöner geworden. In unserer gemeinsamen Schulzeit war Christore der erste Anlaufpunkt, wenn es darum ging, einen Mitschüler zu hänseln. „Bist Du jetzt verheiratet?, frag ich sie. „Nein“. Sie antwortet mir in einer ehrlichen Zuneigung.
„Wo wohnst Du jetzt, Christore?“
„Zu Hause.“ Punkt. Christore war nie meine Freundin mit der ich gegangen wäre. Zwischen uns gab es diesen Magneten nicht. Wir hatten aber immer eine recht warme Beziehung zueinander. Christore war eine Ausgestoßene wegen ihrer Hässlichkeit. Christore war, trotz ihrer äußerst warmen Ausstrahlung, einfach zu hässlich im Schulalter. Das versetzte sie ungewollt in eine einsame Außenseiterrolle. Ihre Mutter hingegen ist das blanke Gegenteil. Eine Sirene. Laut, direkt, fast schon aufdringlich. Ihr Vater ist ein typischer Bauer. Technikverliebt. Große Technik. Die Technik liebte auch Christore. Im Umgang mit feiner Technik, würden wir Christore als tollpatschig beschreiben. Mein Vater stöhnt: „dämlich“. Ich hätte Christore überall erwartet, aber sicher nicht an der Spüle einer Gaststätte. Christore war eine äußerst begabte Gärtnerin. Im Feldbau. Nicht im Kunststoffzelt. Sprichwörtlich, der grüne Daumen. Mit der Annektion der DDR, hat sich dieser Traum ausgeträumt. Die Leute wurden nicht mehr benötigt. Die Anlagen, in denen Christore, Arbeit gefunden hätte, stehen in Holland.
Sie muss sich etwas um ihren Vater kümmern, sagt sie mir. Er wäre auch krank. Deswegen geht sie nicht weg. „Da hast Du Glück im Unglück“, sag ich ihr.
„Wieso?“
„Die Mengen, die jetzt gespritzt werden…!?“
„Wir haben schon auch gespritzt. Nur nicht solche Mengen wie heutzutage. Wir haben viel mit Zwischenfrucht, Gründüngung und Abwehrpflanzung getan. Das weißt Du ja.“
„Heute geht es nach Schönheit.“
„Jaja. Das weiß ich schon“, sagt sie lächelnd zu mir.
Ich habe Christore kurz gedrückt. Mir kamen fast die Tränen. Joana hört sich die ganze Zeit das Gespräch mit an und ist schon fast zornig bei den Schilderungen von Christore.
Vater sitzt da und winkt ab.
Für ihn ist der Lebenslauf von Christore nicht wichtig im Angesicht seiner Probleme. In der Situation bekomme ich für mich die Bestätigung. Er hat mit Allem abgeschlossen. Umstellungen oder direkte Einflussnahmen, sind zwecklos. Er möchte eigentlich nur noch ungestört, den Rest seines Lebens leben. Von Genuss, kann da schon keine Rede mehr sein. „Wollt Ihr im kommenden Sommer wieder nach Bilagen fahren oder in die Türkei?“, frag ich ihn. „Er braucht ne Klinik in der Nähe, die sich mit dr Herztechnik auskennt“, antwortet mir Mutter. Vater nickt. „Ist schwer zu finden.“
„In Bulgarien auch nicht?“, frag ich.
„Gibts dort. Auch in der Türkei. Ma gucken, ob das och mit ‘ n Fluch passt. Miss mer nur noch abklärn mit‘m Hotel. “ (Mal schauen, ob das auch mit dem Flug passt. Das müssen wir nur mit dem Hotel abklären.))
„Da is scha alles in Budder.“(Da ist ja Alles in Butter.)
„Theoredsch.“(theoretisch)
Ich wüsste jetzt nicht, was ich noch besprechen könnte. Trotz der langen Fehlzeit.
„Ich geh jetzt noch ne Runde penn‘n (schlafen). Weck uns mal um Fünfe“, sag ich zu Mutter.
Um Fünf klopft es an der Tür und wir gehen runter zu meinen Eltern. Es waren schon ein paar Gäste da. „Christore is net mehr da?“, frag ich.
„Ne, die macht bis Nachmittag.“
Ich schau um die Ecke zum Stammtisch, ob mir ein paar Leute bekannt vorkommen.
„Dr Junior iss da. Wie isses in Idalien?“ (Der Junior ist da. Wie ist es in Italien?)
„Beschissn. Aber, ni ganz so beschissn wie hier.“ (Beschissen. Aber nicht so schlimm wie hier)
„Worum?“
„Zuviel Orbeid.“(Zu viel Arbeit)
„Bleibste aber frisch bei dr Orbeid.“
„Frisch miede, ja…“ (Frisch müde, ja.)
Der Günter ist schon lange unser Stammgast. Er trinkt nicht oder kaum. Dafür hat er eine Art der Neugier, die ihm auch den Ruf einbrachte, er wäre ein Stasiohr. Die Kreise, welche etwas zu verbergen hatten, haben aus dem Grund mit Günter nur über Frauen und Motorradrennen gesprochen. Günter spielte aber gern Doppelkopf und traf sich wöchentlich mit seinen Freunden zur Runde.
„Ich muss weg. De Mutter von der Joana iss gestorben.“
„Or, das iss traurisch. Die wor doch noch jung!“ (Oh je, das ist traurig. Die war noch jung)
„Im Gesch‘nsatz ze Dir, schon. Oldes Eisn!“ (Im Gegensatz zu dir schon, altes Eisen)
Günter lacht.
Wir trinken schnell noch einen Kaffee und fahren los.
Marco und Udo erwarten uns schon am Treffpunkt und führen uns zu einem griechischen Restaurant. Ich liebe dieses Essen, das in meinen Augen, echt mediterran ist und selbsternannte Ernährungswissenschaftler des Besseren belehrt. Das griechische Restaurant war einmal eine recht bekannte Kneipe in der Kreisstadt. Mit der politischen Veränderung, erfolgte auch die Vertreibung der bodenständigen Kultur. Die maßlose Verarmung großer Teile der Bevölkerung ist auch die Ursache für den Niedergang der einheimischen Kleinunternehmer. Sehr viele, äußerst beliebte Kleinunternehmer, haben sich mit einem Selbstmord von uns verabschiedet. Dieser ehemalige Wirt sprang aus dem Fenster. Der Neue ist jetzt ein Pächter. Ein griechischer Kollege samt Familie.

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