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Winter-Halbpension

Wir gehen gemütlich ans Putzen der Küche. Daniela hat gleich die Frühstücksplatten mit gelegt. Tadellos, die neue Mitarbeiterin. Ich muss kein Wort sagen. Der Chef kommt zurück und sagt: „Feierabend. Die Gäste kommen sehr spät. Sie haben angerufen.“

Dabei geht er zu Daniela und legt seine Hand auf ihre Schulter. Der Blick von Daniela zeigt viel. `Da ist mehr im Busch`, denk ich mir.

Ich gehe schnell rüber zu Joana und ihr Chef sagt, sie wäre auf dem Zimmer. Er lacht etwas dabei.

„Deine Frau ist ein sehr gutes Zimmermädchen. Bist du in der Küche auch so gut?“ „Ich kann das schlecht beurteilen“, antworte ich ihm.

„Wir haben paar Gäste von euch drüben. Die sagen, dass das Essen gut ist.“

„Ich koche nicht alles.“

„Typisch DDR“, sagt er. „Die hauen nicht so auf den Putz.“

„Naja. Vieles musste ich schon bei Euch neu lernen“, sag ich ihm.

„So viel kann das nicht sein“, sagt er. „Ich war oft in der DDR und hab dort immer gut gegessen.

“ Wo“, frag ich ihn.

„Dresden und Leipzig.“ In Berlin habe er nicht so gut gegessen, gibt er zum Besten.

`Das glaub ich ihm`.

„Ich hab in Berlin auch nie gegessen“, hab ich ihm gesagt. „Im Palast der Republik, bei der Eröffnung. Da hab ich dort gegessen. Mein erstes und einziges Mal. Da war das Essen sehr gut.“

„Sicher haben dort keine Berliner gekocht“ antwortet er.

„Haben sie schlechte Erfahrungen mit Berlinern?“

„Nicht direkt mit Berlinern. Aber, mit Nordostdeutschen.“

„Das sind sehr bodenständige Leute. Fast, wie Österreicher“, hab ich geantwortet. Jetzt lacht er so laut, dass seine Frau mit dem Kopf aus dem Büro schaute.

„Guten Abend“, sag ich zu ihr.

„Chuten Abend“, gibt sie lächelnd zurück. `Die ist nicht von hier‘ , geht mir durch den Kopf. Man könnte fast glauben, mit der Gastronomie wird die alpine Inzucht besiegt. Das Wort: Fremdenverkehr, bekommt fast eine neue Bedeutung.

Im Zimmer angekommen, haben wir endlich mal genug Zeit, die Bewerbungsgespräche für die Sommersaison in Ausflugsrouten zusammen zu stellen. Die Bewerbungsausflüge sind ein Teil unserer Freizeitplanung. Leider konzentriert sich die Freizeit auf einen freien Tag pro Woche.

Tag vier


Unser Morgen beginnt mit einem Kaffee und recht angeregten Gesprächen über unsere Arbeitsstellen, Kollegen und Gäste. Beinahe hätten wir unseren Arbeitsbeginn verpasst. Meine Frau erzählt mir von Gästezimmern, die wir kurzerhand als Schweineställe beschreiben könnten. Schweineställe aber nicht im Sinne von Unordnung. Das wäre eigentlich relativ normal für ein Urlauberzimmer. Im Urlaub muss man nicht unbedingt die Betten machen oder gar die Handtücher in Reih und Glied ausrichten. Nein. Uns haben schlimmere Dinge so tief ins Gespräch verwickelt. Wenn mir so etwas passieren würde, stünde ich schon unmittelbar danach an der Rezeption und würde meine vorzeitige Abreise anstrengen. Vor Scham. Ein Gefühl, dass diese Kundschaft nicht kennt. Die Betten waren verschmutzt mit sämtlichen Ausscheidungen, die aus Menschen kommen können. Wie soll das ein Zimmermädchen putzen? Gar nicht? Soll der kommende Gast in dem Mist liegen? Was kostet so eine Reinigung? Hat der Gast bei der Abreise nach den Kosten gefragt? Ich bin sprachlos. Das Zimmer kann die kommenden zwei Werktage nicht mehr vermietet werden. Die Matratzen und die Wäsche, müssen in eine Spezialreinigung. Extra für Schweine. Der Chef meiner Frau hat gesagt, er reicht den Leuten die Rechnung nach. Er tat so, als wäre das schon Routine. Schweine als Routine. Ich frag mich, warum wir dann die Einrichtung, Hotel nennen und nicht Schweinestall. Gegen die Zimmer und Bäder sind ja die Verschmutzungen auf und unter den Tischen im Speisesaal, Kleinigkeiten. „Der bekommt hier Hausverbot“, sagt der Chef. Bei einer versuchten Buchung würde er immer ein bereits belegtes Haus vorgeben. Wir haben leider nicht die Möglichkeit, alle anderen Hoteliers darüber zu informieren. Eventuell im Verband. Leider sind nicht Alle organisiert, leider. Zu teuer. Gastronomen brauchen ein Netzwerk. Ein wirkungsvolles. Sozusagen, eine Gästebewertung von einem bis fünf Sternen. Oja. Richtige Schweine könnte man dann schon mal mit einem Totenkopf markieren. Das wird nicht mehr lange dauern, denke ich. Bei Zechprellern funktioniert das schon mal gut.
Auf den Weg zu meinem Hotel, begegne ich einer Menge neuer Kollegen. Sie grüßen alle, freundlich, in deutsch. Sehen die mir an, dass ich Deutscher bin? Unser Hotel ist noch recht dunkel. Die Tür ist zu. Ich gehe mal zum Hintereingang. Der ist offen. Der Abspüler alias Hausmann, ist schon rege zu Gange. „Die Kollegen haben gestern gefeiert.“

‚Die‘, denk ich mir. ‚Der Hausmann ist das Auge des Chefs‘.

„Sind die Zimmermädchen schon auf?“

„Ja, schon lange“, ist seine Antwort. Ich höre auch die Waschmaschinen. Der Gang zur Rezeption ist schon gewischt. Blitzblank. Samir, unser Abspüler und Hausmann, hat sich gerade vorgestellt. Er ist ein Kurde. Ich werte das als freundliche Geste, die mit etwas Respekt vermischt scheint. „Sind schon unsere Köche unten?“

„Keiner“.

„Kannst Du mir die Kollegen mal wecken?

„Schon gemacht“. Ich gebe Samir einen kleinen Klaps auf die Schulter. Er löst sich etwas und geht gleich zuerst an die Kaffeemaschine.

„Die braucht fast zehn Minuten, bis sie arbeitet“, weist er mich ein. In der Zeit befülle ich schon mal die Filter. „Wie viel machst Du rein“, fragt mich Samir. „Sechseinhalb Gramm pro Tasse“, antworte ich. Er rechnet kurz und sagt: „Das ist zu viel“. „Aber nicht für mich“, sag ich zurück und Samir lächelt still. „Dein Problem“. Ich sehe da keine Probleme. Kaffee muss einfach schmecken. Vor allem, Filterkaffee. Das ist schließlich eine sächsische Erfindung und wir sind die ersten Vertreter auf diesem Gebiet. Frau Melitta soll sich schließlich nicht schämen für ihre Nachkommen. Die Frühstückskaffees in den Hotels sind oft entsetzliche Brühen. Bei uns nennt man die Getränke, Bodensehkaffee. Man kann den Boden sehen. Mit den Sechseinhalb Gramm pro Tasse, setze ich eigentlich nur ein Gesetz der DDR durch. Das wurde bei uns streng kontrolliert. Gastwirte, die versuchten, mit etwas weniger Pulver zu arbeiten und bei einer Kontrolle aufflogen, bekamen die Strafe umgehend. Nach einer Analyse, wurde die fehlende Menge ermittelt und die Einsparung auf einen Tag berechnet. Man nahm den Durchschnitt des dokumentierten Verkaufes der letzten zwei Jahre als Strafmaß. Das wurde aus dem dokumentierten Monatsverkauf hochgerechnet. Zum Schluss stand eine Summe, die als Betrug ausgewiesen werden konnte und je nach Schwere des Betruges, recht üppig ausfiel. Bei massiven Verstößen, wurde der Gewerbeschein eingezogen. Das war die Basis für ein ehrliches Geschäft. Heute ist das Mangelware. Darum nennt sich das Marktwirtschaft. Bemerkenswert ist etwas anders. Viele kaufen das Frühstück, ohne zu wissen, wie die Brühe schmeckt. Die Katze im Sack. Das ist schon mal beachtlich, angesichts der Tatsache, dass ein Frühstück, zehn Euro und mehr kostet. Ein Bettler in der Fußgängerzone oder vor der Kirche, muss sich für zehn Euro schon mehr einfallen lassen. „Der Herr gibt Seinesgleichen gern“. Der Kaffee ist jetzt fertig und schau, meine Kollegen finden den Weg zur Arbeit. Daniela entschuldigt sich und rennt in der Küche rum, wie ein aufgescheuchtes Huhn. Sie hatte das Personalfrühstück schon vorbereitet. Fehlen nur noch herunter gefallene Teller. Meine Kollegen haben Abschiede und Neuankünfte gefeiert. Ihre Fete hat also schon mal einen Namen.

„Ich will heute Abend mal nach Hause fahren“, hab ich meinen Kollegen gebeichtet. Sie finden das gut. „Sag den Südtirolern einen Schönen Gruß“, war die Meinung der gesamten Gruppe. Aus irgendeiner Tankstelle sollte ich ihnen ein paar italienische Zigaretten mitbringen. Das mach ich natürlich. Tanken muss ich in Italien nicht. Dafür trinke ich aber gern Kaffee in der Tankstelle. Belegte Brote, kleine Imbisse und Kaffee, sind in italienischen Tankstellen, die beste Wahl. Nicht nur des Preises wegen. Da werden oft die Produkte regionaler Kleinerzeuger gehandelt, die geschmacklich, unschlagbar sind.
Montags ist mit weniger Betrieb auf den Pisten zu rechnen. Dafür kommen aber Schülergruppen oder, in Bussen, Touristen aus anderen Skiregionen. Die Touristiker bieten ihren Gästen Abwechslung, die man mit Tagesausfahrten buchen kann. Unsere Kollegen aus den anderen Skigebieten rufen dann an und buchen die Mahlzeit.
Allgemein wird das im Ausflugsreis, pauschal berechnet. Es gibt Ausnahmen. Da bezahlt der Gast nur den Ausflug und die Pistenpauschale. Bei uns erscheint der Gast als a la carte- Kunde. Eine Buchung der Mahlzeit ist eigentlich die bessere Wahl. Die Hoteliers kennen untereinander ihre Stärken und führen oft auch Gespräche über gute oder nachlassende Qualität. Meist kontrollieren die Chefs persönlich die Qualität des bestellten Essens und kritisieren das peinlich genau. Keiner möchte vor seinen Kollegen als Null da stehen, der sein Geschäft nicht im Griff hat. Die Kunden dürfen diesem Mechanismus vertrauen. Der wirkt. Wir erwarten heute zwei Busse. Achtzig Gäste haben sich angemeldet. Die Busfahrer haben angerufen. Wir haben Schopfbraten mit Knödel und Sauerkraut empfohlen. Die Gäste beider Busse haben das bestellt. Das machen wir auch gleich mit zum Personalessen für die Pistenarbeiter und zum Tagesgericht. Ich gehe ins Kühlhaus und hole die acht Schweinskämme. In einem Blixer mache ich die Gewürzmischung für den Schopfbraten fertig. Sie besteht aus Salz, Zucker, Pfeffer, Kümmel, Majoran, Knoblauch und Öl. Damit reibe ich die Kämme ein, stelle den Ofen auf einhundert achtzig Grad, setze den Kerntemperaturfühler auf sechsundsechzig Grad und schon ist meine Arbeit beendet. Beobachter würden jetzt denken, die Köche werden auch immer fauler und sie jammern noch dazu. Wenn ich den Ofen schon mal auf der Temperatur habe, nutze ich gleich den freien Raum, um eine Jus mit anzusetzen. Soltan kommt gerade mit der Bestellung unserer Hausgäste. Und siehe da, wir haben wieder Kranke bei uns im Hotel. Heute erfreuen wir uns an einer ganz speziellen Diät. Das Essen soll salzfrei sein. Unser Kellner steht schon in der Tür und lacht. Ich frage ihn, ob der Gast jetzt kein Brot oder andere Dinge vom Buffet isst. „Sie isst alles“, bekomme ich als Antwort. „Wie sieht sie denn aus?“, frag ich. „Spak“, ist die Antwort. Spak ist, glaub ich, spindeldürre. „Aber“, sagt unser Kellner Andreas, ein Ungar, „sie steht auf Fünfundzwanzigzentimeterabsätzen“. „Sie steht?“, frag ich. „Nein. Sie muss die Beine hinlegen, wenn sie sitzt“, antwortet Andreas. Andreas ist mir erst jetzt aufgefallen. Er ist etwas später angereist. Andreas ist unser Oberkellner. Ein recht sympathischer Mensch. Er wirkt etwas verschlagen.


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2 responses to “Winter-Halbpension”

  1. […] Der Saisonkoch-Winter-Korrektur […]

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