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Der Saisonkoch-Winter

Am Personalfrühstückstisch fehlt Muchmat. „Geh mal den Muchmat wecken“, sag ich zum Soltan. Der rennt gleich hoch. Eine Minute und Soltan ist wieder da. Muchmat kommt in zehn Minuten. Er hat ein recht rotes Gesicht. „Was ist los, Muchmat?“, frag ich. „Mutter ist gestorben“, ist die Antwort. Muchmat ärgert sich über alle Maßen. Er hat seine Mutter die letzten zwölf Jahre kaum gesehen.

„Ich muss nach Hause“, sagt er recht aufgelöst. Ich dachte erst, das wäre ein Trick. Bei Saisonarbeitern kommt das relativ häufig vor. Auch, wenn der Kollege mit dem Arbeitsplatz nicht zufrieden ist. So in etwa, fiel auch meine Reaktion aus. Muchmat heulte jetzt wie ein Schlosshund. Das war nicht gespielt. Es dauerte auch nicht lange und die Familienangehörigen von Muchmat kamen, um ihn abzuholen. Der Chef stand auch schon da und hat das alles bestätigt. Bloß gut, dass ich noch mal Zeit hatte, etwas zu nicken. Unser Chef sagte mir, er hat sich schon gekümmert.

‚Wie, denk ich mir?‘ ‚In der Nacht?‘

„Heute kommen ein paar Kollegen, sich vorstellen“, gibt er etwas stolz von sich. Also, hat er schon recht früh Bescheid gewusst. Muchmat hätte schon spät in der Nacht angerufen. Meine Ausfahrt ist sozusagen die Ursache des Filmrisses.

„Schöne Überraschung“, sagte ich zu meinen Kollegen. Muchmat haben wir unser Mitgefühl ausgedrückt und schon verlässt er uns unter Tränen. Jetzt stehen ihm über eintausend Kilometer Heimfahrt bevor. Unser Chef hat Muchmat schnell etwas von seinem Geld gegeben, damit er wenigstens nach Hause kommt. Muchmat hatte das noch gar nicht verdient. Wir haben Muchmat ganz schnell noch ein paar Brote fertig gemacht, eine ganze Salami und einen halben Speck mit eingepackt. Das hat uns Muchmat freundlich zurück gegeben. Er isst kein Schweinefleisch. Gut. Ich schau mal nach einem Putenschinken. Einer war da. Den hab ich eingepackt. Eine Bresaola lag auch noch da. Eine, vom Chef selbst. „Geb ihm den auch mit“, sagt der Chef. „Ich hab oben noch einen hängen“. „Den macht mein Bruder“, ergänzt er ganz nebenbei.

Wie nennen wir das Produkt jetzt? Bündner Fleisch oder Bresaola aus dem Inntal? Tiroler Rinderschinken. „Nehmt Ihr dazu Pökelsalz oder normales?“ „Die Leute wollen ein rotes Fleisch, das nicht so salzig schmeckt. Wir nehmen Pökelsalz.“ „Pökelsalz macht im Inneren des Menschen auch das, was es an dem gepökelten Fleisch tut“, sag ich, auch nebenbei. „Du hast recht. Wir machen nur, was der Kunde will.“ Ich scherze: „Hoch lebe der Kunde!“ „Wenn er demnächst, direkt Gift bestellt, geben wir es ihm.“ Sterbehilfe. Eigentlich müssten wir da schon eine Prämie von der Rentenkasse einfordern.

Muchmat kommt wieder mit seinen drei Habseligkeiten, packt die Verpflegungstüte und verabschiedet sich unter Tränen. Er wäre gern geblieben, weil es ihm bei uns gefallen hat. Schade. Seine Vorbereitung hat uns sehr geholfen. Er sagt:

„In einem Monat kann ich wieder kommen.“ Der Chef sagt: „Einen Monat kann ich nicht warten; jetzt, in der Saison.“ „Komm‘ nächste Saison wieder, Muchmat.“

„Im Sommer?“

„Ich schau mal“, sagt der Chef. Im Sommer kommen normal, andere Saisonarbeiter. Meist Alleinköche. Da gibt es bedeutend weniger Gäste in dem Gebiet. Wie Muchmat, geht es zahlreichen Saisonkräften. Sie sehen weder ihre Familien, ihre Kinder noch ihre Eltern. Eine Entschädigung dafür gibt es nicht. Im Gegenteil. Die Hin- und Rückfahrt nach Hause, kostet pro ein Tausend Kilometer, ein Tausend Mark. Er hat dafür schon mal einen Monat umsonst gearbeitet. Fast wie ich. Auf der zu fahrenden Strecke stehen Strauchdiebe und Schutzgeldpresser in einer schier endlosen Reihe. Muchmat kennt Straßenabschnitte, bei denen auf zehn Kilometer Weg, zwanzig automatische Blitzgeräte stehen. Da reden wir noch gar nicht von den über der Straße befindlichen Leitzentren, die alles filmen. Sogar die kleine Notdurft am Straßenrand. Damit wird natürlich die Durchschnittsgeschwindigkeit erheblich gesenkt. Schließlich darf der Tagelöhner und Wanderarbeiter seine Familie nicht sehen. Der muss natürlich für eintausend Kilometer eine Zweitagesfahrt einplanen. Man fragt sich dann, warum Autos gebaut werden, die locker zweihundert Stundenkilometer fahren. Für die unterentwickelten Hormone? Oder schlimmer; für zu kleine Geschlechtsteile? Dazu kommen Aktionen, die sich wie direkte Bestrafungen darstellen. Baustellen. Ich kenne keine Methode, Geld so sinnlos an befreundete Konsortien zu schieben, wie uns das mit Baustellen vorgestellt wird. Praktisch fährt der Muchmat bei eintausend Kilometer Fahrt, durch sechshundert Kilometer Pseudobaustelle. Einspurig. Er trifft auf der gesamten einspurigen Strecke, nicht einen Arbeiter. Da wird schon aus Hobby gesperrt.

Ich erinnere mich an Jahre, in denen die gesamte Strecke von Innsbruck nach Kufstein, einspurig verlief. In beide Richtungen, wohlgemerkt. Zur Saisonferienzeit. Jetzt frag ich mich ganz verstört, wofür ich dann die Autobahnschutzgeldsteuer zur Autosteuer bezahle. Wahrscheinlich für die durchgehende Autobahn nach Syrien. Dazu zahle ich an der Autobahn für Benzin und Diesel, vierzig Cent mehr als außerhalb der Zone. Bei den Bauarbeiten ohne Bauarbeiter, kein Wunder. Neben den optischen Wegelagerern, gibt es also auch noch die Tankstellenmonopole. Die Benutzung von Toiletten wird eine Strafzahlung. ‚Du musst ja nicht fahren. Bleib zu Hause‘. Für eine braune Wasserbrühe namens Kaffee, eine Beleidigung dieses Getränkes, zückt man in ausgewählten, nach Toilette stinkenden Raststätten, locker vier Euro. Da ist der ruhige Kaffeeautomat in der Tankstelle, schon fast eine Erlösung.


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