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Der Saisonkoch – Winter

Über den Bondrucker rieseln gerade acht…zehn…sechzehn….zweiundzwanzig Bestellungen rein. Vereinzelte Hausgäste stehen schon am Vorspeisenbuffet. Schade. Ich muss jetzt kochen. Ich wollte den Hausgästen gerade etwas zuschauen. Den Buffetbereich sehe ich vom Ausgabefenster aus. Einige Gäste blicken in Richtung Küche. Ich grüße kurz mit einem Nicken und das war’s. Es kommen kaum Anschlussbestellungen. Die Zeit werde ich gleich mal nutzen, um bei unseren Buffet nach dem Rechten zu schauen. Meinen Vorstecker, auf dem sich die ganze Speisenkarte wieder findet, habe ich abgelegt. Kaum stehe ich vorn am Buffet, kommt mir eine Dame entgegen. Sie kann mit dem Teller in der Hand stehen. Für mich ist das ein Wunder. Sie steht auf zwanzig Zentimeter hohen Stöcken, die Schuhnachbildungen gleichen. Im Skiurlaub. Das scheint eine Balanceübung zu sein. Ich frag mich, wie das geht mit Beinen, die nicht stärker sind als mein Arm. Das Schwerste an dieser frauenähnlichen Gestalt scheint die Golduhr zu sein. Sie fragt mich in einem verzerrten Deutsch, fast schon piepsend, was bei dem Angebot glutenfrei ist. Darauf musste ich ihr sagen, dass ich der Koch bin; kein Ernährungsberater. Ja, ihr Ernährungsberater hätte ihr gesagt, dass sie kein Gluten essen darf.

„Haben Sie das bezahlt?“, frag ich sie.

„Ja“.

„Und, Sie haben keine Liste von Lebensmitteln bekommen, die Sie nicht essen dürfen?“

„Ja schon“, sagt sie. Sie wüsste aber nicht, was alles drin ist in den einzelnen Speisen.

„Ja, denn essen Sie doch einfach die Speisen, die Sie für sich als unbedenklich erkennen.“ Den Hinweis fand sie sehr hilfreich, sagte sie etwas heuchelnd, wie mir scheint. Ich frag mich eh immer, warum die Leute, ausgerechnet immer die Lebensmittel essen wollen, die sie nicht essen sollen. Wir können schlecht an jedem Lebensmittel, ein Schild aufstellen, auf dem die Befindlichkeiten der Kunden stehen. Kurz darauf, kommen zwei Kinder mit vier Tellern und wollen die Teller nachfüllen.

„Ihr habt aber ziemlich Hunger“, sag ich zu den Zweien.

„Ne. Das ist für die Eltern“, sagt der Große von den Zweien, stellt die Teller ab und stochert kindlich in den Salaten rum. Den Eltern scheint egal zu sein, was, wie, auf den Tellern liegt. Wenn das mal für uns so einfach wäre. Da liegen die Erwartungen schon höher. Nun geht ja von den Kleinen, Keiner mit den Tellern bis zu dem Gefäß, aus dem sie die Kostprobe nehmen. Das Buffet sieht aus wie die Futterstelle in unserer Wildstation nebenan. Manchmal frag ich mich, warum wir das Buffet nicht dort platzieren. Jetzt wollte ich schnell mal schauen, wohin die Kinder gehen und die Eltern etwas Maß nehmen. Mit dem Kontrollblick werden natürlich, umgehend, Vorurteile bestätigt und verhärtet. Die Eltern sind strotzbesoffen. Alles klar. Der normale Urlaubszustand in den Kreisen. Ich frag mich, warum die ausgerechnet im Urlaub so viel saufen. Das würde ich nur auf Arbeit tun, wenn das anders nicht auszuhalten wäre, aber das Geld gebraucht würde. Warum saufen die ausgerechnet in der knappen Zeit, die ihnen für Urlaub und Familie bleibt. Komisch. Hassen die ihre Familie?

Jetzt kommt noch eine ältere Dame. Gibt mir ein Kompliment für das Essen und ich frage sie, ob sie gern noch etwas vom Buffet möchte. „Ja, Tomate und Mozzarella.“

Das leg ich ihr auf den Teller und bedanke mich für das Kompliment. Sie erzählt mir, dass sie mit den Kindern ist und noch einmal die Berge im Winter sehen wollte. „Und das Essen probieren“, sag ich zu ihr.

„Das Wichtigste“, sagt sie zurück.

„Sind Ihre Erwartungen erfüllt worden?“, wollte ich von ihr noch wissen. „Unbedingt“, gibt sie zum Besten. Die Zimmer seinen so schön und das Bad erst. ‚Jaja‘, denke ich mir. ‚In dem Alter, steht man da schon etwas länger.‘ Ich merke das ja bei mir.

„Können Sie das überhaupt noch so richtig schaffen, das mit der Saisonarbeit?“, fragt sie mich.

„Ich brauch früh, drei Stunden zum Aufwecken, zwei Liter Kaffee und eine Stunde für das Bad“, sag ich ihr. Sie lacht.

„Es muss“, sagt sie.

„Noch nicht“, antworte ich ihr. Jetzt lacht sie schon herzhaft. Zur Kontrolle, schau ich mal rüber in unsere Ausgabe und der Soltan wedelt mit seinen Händen. Jetzt muss ich mich hier rar machen. Verdünnisieren. Zurück in die Küche. Da liegen drei kleine Bestellungen. Soltan hat sich nicht getraut, die zwei Steaks und das Schnitzel aufzulegen. Er ist der zweite Koch, mein Stellvertreter.

„Soltan!“.

„Okay, ich machs!“.

Mehr hat es nicht gebraucht. ‚Er stellt sich gar nicht so schlecht an‘, muss ich für mich zugeben.


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