Wir sind jetzt fertig mit putzen und heute bleibt Soltan noch etwas da. Ich kann etwas ruhiger das Menü für morgen schreiben. Die Warenbestellungen sind auch noch fällig. In erster Linie, Molkereiprodukte, Fleisch und Gemüse. Schwein, Rind und Kalb haben wir auf unseren Menüs schon angeboten. Es wird eigentlich mal Zeit, etwas Wild und Geflügel anzubieten, was ich natürlich in dem Menü berücksichtige. Soltan kocht auch noch etwas für die Jause und legt relativ zügig, ein paar Platten. Er bietet heute etwas Gulaschsuppe, ein paar Spaghetti Carbonara und ein Würstelsortiment von österreichischen Schlachtbetrieben. Die österreichischen Metzgerbetriebe stellen aktuell die besten Würstel in ganz Europa her. Da lohnt es sich, etwas zu probieren. Die Vielfalt und der Geschmack sind unschlagbar. Das Menü für morgen ist fertig. Wie üblich:
Kalte Vorspeisen und Salate vom Buffet
und dann:
Tomatensuppe mit Croutons
oder
Grießnocke in Fleischbrühe
Nach dem Überlesen des Menüs von gestern und bei der Zubereitung, fiel mir auf, zwei Mal Rind in einem Menü geht nicht. Kritisiert hat das noch niemand. Fachlich, ist das ein totaler Fehlgriff. Soltan hat das durch die Blume angesprochen und ziemlich kindisch gekichert dabei. Meine Müdigkeit war die Ursache. Als warme Vorspeise bringen wir:
Pot au feu vom Kalbsragout im Blätterteig
oder
Spinatcannelloni in Alpenkäsesauce
Zum Hauptgang lassen wir ein Fischgericht und ein vegetarisches erscheinen, was dann so aussehen soll:
oder
Entenbrust rosa gebraten im Portweinjus an Dauphinkartoffeln und Buttererbsenschoten
oder
Zanderfilet vom Grill auf Wurzelgemüsesugo an Petersilkartoffel und Gurkengemüse
oder
Souffle von Champignons im Weinschaum auf einem Fenchelrisotto zu gefülltem Zucchini
Zum Dessert bieten wir immer eine Eisvariation. Unser Chef meint, Eis wäre der Renner. Persönlich, kann ich das nicht unbedingt verstehen. Wir nutzen das Eisangebot eines bekannten Eisherstellers. Das Eis wird heutzutage nicht mehr mit Zucker hergestellt, sondern mit Glukose. Die Industrieglukose wird aus Genmaisstärke gewonnen und ist sicher kein guter Einfall bei der Eisproduktion. Bei uns im Lager stand auch so ein Kübel. Ich hab den weg gegossen. „Der war zu alt“, hab ich dem Chef gesagt. Die Glukose ist kein Zucker. Falls Sie mal schlechte Leberwerte haben und sich darüber wundern, obwohl Sie keinen Alkohol trinken, suchen Sie eher in dieser Sparte nach dem Übeltäter. Ihre Leber wird es Ihnen danken. Wir bieten heute etwas Hausmannskost als Dessert:
Topfen-/Quarkkuchen nach Tiroler Art in Kirschkonfit
oder
Eisbecher
Topfen ist der klassische österreichische Begriff für Quark. Die Sekretärin hat mich das ändern lassen bei der Vorlage. Unsere Gäste hätten sicher eine falsche Vorstellung von dem Begriff. Nur zur Klärung. Topfen ist, klassisch gesehen, ein Trockenquark bzw. die Vorstufe von Käse. Nach der Zugabe von Rahm, Molke oder Wasser, wird daraus Quark oder Magerquark. Mir wäre es am liebsten, ich bekäme Trockenquark geliefert, weil ich dann mehr Verarbeitungsmöglichkeiten habe.
Das Menü ist angenommen worden von der Sekretärin. Nun schaue ich, ob ich zufälligerweise, meine Frau telefonisch erreiche. Sie geht ran. „Seid Ihr schon fertig?“
„ Wir sind seit einer Stunde fertig“, sagt sie. Zimmermädchen ist im Winter einer der undankbarsten Berufe, den sich Menschen vorstellen können. Zimmermädchen sind fast wie Krankenschwestern. Sie kennen jedes Detail ihrer Gäste. Nicht die körperlichen Details, dafür aber den kompletten Rest.
„Da kann ich ja jetzt zu Dir kommen“.
„Ja“.
„Ist Euer Chef noch da?“
„Musst Du mal schauen; glaub schon“.
„Hast Du ihn gefragt, ob ich bei Dir schlafen kann?“
„Ja“.
„Und?“
„Ja“.
„Da kann ich auch zu Dir rüberziehen?“
„Ja“. Ich bemerke Freude bei der Antwort.
Ich staune. Zur Verteidigung meiner Frau, muss ich gestehen, zum Dienstende ist sie wirklich KO. Da kommen nur solche kurzen Dialoge.
Irgendwie hatte ich schon die Ahnung. Jetzt spring ich mal schnell zu meinem Chef runter und sage ihm, der Chef meiner Frau hat ein Personalzimmer frei. Von ihm brauche ich keins. Er freut sich. Er kann bei sich, zwei Streithühner auseinander legen. Ich betone Streithühner, nicht -hähne. Es sind die zwei Kellnerinnen. Eine aus Ungarn und die andere aus Polen. Jeder Mensch möchte sein Intimleben. Wintersaisonkräfte sind immerhin fast ein halbes Jahr nicht zu Hause. Je größer die Entfernung, desto seltener kommen sie nach Hause. Das ist sehr bitter. Meist leben die Kollegen und Kolleginnen in ihren Netzwerken untereinander, recht einvernehmlich. Wenn das nicht wäre, sähe es böse aus.
Ich packe also meinen Kram und gehe rüber zu meiner Frau. Der Kaffee steht schon. Das ist genau das, was meinen Kollegen fehlt. Etwas Glück; Wärme. Der Hotelchef meiner Frau ist recht freundlich und fragt mich auch gleich, wie es bei uns läuft.
„Der erste Tag war etwas…schwer“, sag ich.
Das ist eh so eine Floskel und er pflichtet mir bei:
„Wie bei uns. Willst Du einen Kaffee?“
„Der steht schon oben“, sag ich.
„Du hast ein Glück!“
„Das brauch ich“. Ich trinke eigentlich nur Filterkaffee gern. Die anderen Kaffeearten schmecken mir nicht. Auch nicht der Verlängerte. Ein Cappuccino, der schmeckt mir. Beim Kaffeetrinken frag ich Joana, meine Frau, ob denn im Hotel ein Internet da ist. Sie zeigt mir die Steckdose und ich bin recht zufrieden. „Der Chef hat mir auch schon das Passwort gegeben“. „Die Stunde kostet einen Euro.“
„Da ist ja alles in Butter“, sag ich. „Da können wir heute Abend schon nach Sommersaisonanzeigen schauen.“
Jetzt könnte ich eigentlich noch ein Stündchen ruhen.
„Ich weck Dich“, sagt Joana.
„Eine Stunde, maximal“, sag ich. „Musst Du heute Abend noch arbeiten?“
„Abdecken“, antwortet Joana.
Die Gäste bekommen beim Abdecken die Betten aufgeschlagen und oft ein Konfekt auf das Kopfkissen gelegt. Zur Freude der Wäscherinnen. Die dürfen dann die vergeiferten Schokoflecken aus den Kopfkissen waschen. Gleichzeitig kontrollieren die Zimmermädchen noch die sanitären Einrichtungen, ob eventuell noch etwas gereinigt oder nachgelegt werden muss. Nach der Ruhe frage ich Joana:
„Willst Du heute noch nach Hause fahren?“
„Du?“ fragt Joana.
„Ich bräuchte eventuell noch ein-zwei Ausstecher, zwei Messer und einen Stein zum Messer schärfen“, sag ich.
„Ist gut, wenn Du zeitig genug fertig bist, können wir noch fahren“, sagt sie.
„Hör mal nach dem Wetterbericht, ob es Neuschnee gibt die Nacht“, sag ich zu ihr.
In der Küche angekommen, schau ich schnell mal nach, wie viele Gäste da sind. Wenig.
Zum Personalessen kochen wir heute Schopfbraten. Soltan hat schon alles fertig.
„Was will denn Muchmat und seine Kollegen?“, frag ich Soltan.
„Muchmat mag den auch“, sagt Soltan. Ich wundere mich.
„Sie essen den aber nicht“, sagt Soltan lächelnd dazu. Muchmat hat sich und seinen Kollegen einen Käsesalat mit Nudeln gemacht. Er hätte viel Käse vom Frühstück übrig. Das gefällt mir. Ich muss mich nicht kümmern. Muchmat trifft sich heute Abend mit seinen Freunden und Kollegen.
„Die sind heute erst angekommen“, sagt er. „Sie bringen auch ein paar Produkte mit“.
„Produkte?“, frag ich.
„Ja, Kolbas.“ Kolbas ist Wurst. Ich schätze, Salami.
„Eselsalami?“, frag ich.
„Auch“.
„Verkauf mir eine oder wir tauschen.“
„Ich bring Dir eine aus Italien mit“, sag ich.
„Das machen wir so“, antwortet Muchmat. Ihm würden die italienischen Salami auch gut schmecken.
„Ich kann Dir auch ein paar Südtiroler Würste mitbringen“.
„Die schmecken auch. Gerne“.
„Das geht aber erst, wenn ich mal einen Tag frei habe“, sage ich zu Muchmat.
„Ich kann warten.“
Den Tiroler Zwiebelrostbraten habe ich am Stück eingebraten. Soltan kommt gerade angesaust und wollte schnell mal eine Kostprobe des Bratens.
„Saugut!“ Das liegt auch maßgeblich am Fleisch. Unser Chef kauft das Fleisch vom Bauern direkt. Von der Alm. Ende September. Besser geht’s nicht. Der Bauer ist der Bruder vom Chef. Jetzt hab ich keine Fragen mehr. Beim Probieren verdichtet sich bei mir das Gefühl, jedes Kraut zu schmecken, das auf der Alm wächst. Der gelungene Braten hebt etwas die Stimmung in der Küche und mir scheint, die Jungs haben jetzt etwas mehr Vertrauen in mich. Das kann sich schnell ändern in Saisonbetrieben. Genießen wir also die Ruhe.

Kommentar verfassen