
Die Arbeit in den Kohleflözen wurde immer schwieriger. Die Kohleadern wurden immer dünner. Der Abraum betrug mittlerweile achtzig Prozent. Der Abbau der Steinkohle wurde unwirtschaftlich. Hubertus verunglückte zwei Mal im Schacht. Die Norm war nicht mehr haltbar.
Braunkohle bot einen gewissen Ausweg. Die Bergarbeiter wurden umgeschult für den Tagebau. Der Uranabbau, der Salzabbau und die Wismut boten reichlich Möglichkeiten für Bergarbeiter.
Irma und Hubertus rechneten mit einer früheren Entlassung von Hubertus wegen seiner Verletzungen. Tatsächlich wurde später der Steinkohlebergbau nach der Entlassung von Hubertus und anderen Häftlingen weitgehend eingestellt.
Herbert schöpfte Hoffnung in Erwartung der Entlassung von Hubertus.
Für Herbert kam aber ein unerwartetes Ergebnis bei der Vorbereitung der Entlassung von Hubertus. Hubertus wurde an eine Arbeitsstelle vermittelt. Die staatlichen Behörden vermittelten die Entlassenen in Firmen, die Schwerpunkte der Nachkriegsentwicklung darstellten.
Im Fall von Hubertus war das eine Gießerei.
Irma konnte es kaum erwarten, ihren geliebten Hubertus aus dem Gefängnis abzuholen. Jürgen und Heinz, die zwei Kinder, blieben bei Herbert. Zumindest so lange, bis Hubertus und Irma eine Wohnung gefunden haben. Hubertus wollte nicht zu weit von seinem zugewiesenen Arbeitsplatz wohnen.
Die Gießerei befand sich in Karl-Marx-Stadt. Weit entfernt von Herberts Gut in Pumelitz. Die Familie würde zerrissen.
Für Herbert gab es jetzt kaum einen Ausweg. Er trat in die neu gegründete LPG ein. Von da an, war die Produktion von Lebensmitteln gesichert. Auch die Produktion von Harz und Tabak nach Plan. Hilde diente meist in der LPG. Herbert sah den Schwerpunkt in seinem Gut. Er musste es nicht mehr allein tun. Die Zeiten der jeweiligen Ernten wurden von allen Mitgliedern gemeinsam bewältigt. Auch mit der Technik der LPG.
Den Anteil, den Genossenschafter für sich in Anspruch nahmen, bewirtschaftete Herbert. Das war nicht wenig. Mama Helene kümmerte sich nach wie vor um die Tiere des Hofes. Auch um den Vorgarten und die Küche. Der Arbeitstag von Herbert ist damit ausgefüllt. Von frühmorgens fünf Uhr bis abends acht Uhr.
Hilde wurde Mama. Jürgen und Heinz von Hubertus und Irma sind noch auf dem Hof. Jetzt bekamen sie keine Geschwister mehr, sondern Cousins oder Cousinen. Hubertus begrüßt den Nachwuchs in der Hoffnung, endlich Nachfolger seines Hofes zu haben.
Irma versprach ihm aber, nach der Entlassung von Hubertus, den Haushalt von ihren Kindern zu befreien. Damit er und Hilde genug Zeit haben, sich um den eigenen Nachwuchs zu kümmern.
„Der Hof und die LPG können uns alle gut ernähren“, wendet Oma – Helene ein. „Ich glaube auch, in der LPG würde selbst eine gelernte Lehrerin einen Platz finden.“
Der Hinweis war angesichts des Wunsches Irmas, es im Westen zu versuchen, eher eine nicht erfüllbare Wunschvorstellung. Wie sich herausstellte bei der Diskussion, wollten Irma und Hubertus zusammen in den Westen. Hubertus wollte nur Alles vorbereiten. Die Kinder sollten nachgeholt werden.
Oma Helene und auch Herbert, sahen das natürlich aus einem anderen Blickwinkel. Vor allem mit der Erfahrung, was ihrer Familie geschah. Auch aus dem Blickwinkel, wer ihnen bisher wirklich geholfen hat und wer nicht. Irma wollte jetzt die zwei Kinder sofort mitnehmen.
Helene wehrte sich dagegen. Sie informierte Detlef. Detlef sprach mit dem SMAD – Kommandeur. Igor musste sich einmischen.
„Wenn ihr eine Wohnung habt, könnt ihr die Kinder natürlich mitnehmen. So, kann ich euch das nicht erlauben.“
Das hat vorerst geholfen.
Igor reagierte jetzt natürlich. Lehrerin kam für Irma höchstens noch aushilfsweise, wenn überhaupt, infrage. Die Partei hatte natürlich Interesse an gut ausgebildeten Arbeitern mit Russischkenntnissen. Irma wurde Sekretärin. In einem Schlachthof. Dort holten die russischen Befreier natürlich die Truppenversorgung ab. Dafür brauchte es eben eine Russisch sprechende Kraft. Die Position im Schlachthof stellte sich später als sehr vorteilhaft heraus. Wenn nicht sogar vorteilhafter als der Dienst auf einem Bauernhof. Igor hat das natürlich Detlef beigebracht. So erfuhr es Oma-Helene. Die war sehr glücklich mit der Lösung. Vor allem mit Blick auf ihren Sohn – Hubertus.
Herberts Hof entwickelte sich sehr schnell. Er war der Erste im Ort, der einen F6 sein Eigentum nannte. Der F6 war ein stattlicher Kombi und Vorläufer des Wartburg. Im gleichen Jahr legte sich Herbert einen Kleintraktor zu. In sein Tabakfeld ließ er aber immer noch das Gespann mit einer Kuh. Diese Sorgfalt bescherte ihm einen Vertrag mit Orienttabak – Yenidze in Dresden.
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