Trotzdem spürt er im Altenheim genau die Gesetze, die er lebhaft im Landtag verteidigte. Vor allem zu Pandemiezeiten. Verschlagene Reste der Gesetze plagen heute noch sowohl Mitarbeiter als auch Bewohner. Trotz fünf Tausend pro Monat.
Seine Familie hat angeblich keine Zeit, sich um den Papa zu kümmern. Die studieren ausgerechnet in Westdeutschland. Dort knüpfen sie die Beziehungen, die Südtirol überhaupt nicht gut tun. Er spürt das jetzt selbst. Sinn von Studien und Gymnasien sind die Verknüpfungen, die dabei entstehen. Die wirken praktisch grenzenlos und nahezu unbemerkt. Auch bei Gustav. Mehr als die Hälfte seiner Schwestern haben in Deutschland oder Österreich gelernt. Nicht die Südtiroler nachbarliche Liebe. Nein. Die sterile Liebe – Fremder.
Gustav merkt das seit der intimen Pflege von Melinda kaum noch. Melinda lässt ihn die Sorgen vergessen. Bis auf seine Wäsche. Die erledigt Melinda nicht. Sondern Rosi. Sie ist ja der gelernte Knecht. Melinda trägt keine Maske. Rosi schon. Rosi macht das Beschwerden. Sie trägt das dem ehemaligen Landesvater vor.
„Die Maske entzündet mein Gesicht“, sagt Rosi. „Weil ich bei der Arbeit schwitze.“
„Nimm doch einfach etwas ab“, empfiehlt schnippisch Melinda.
Natürlich ist Rosi etwas kräftiger gewachsen. Bei ihrer Arbeit bilden sich auch Muskeln. Davon kann Melinda nur träumen. Die hat nie gearbeitet. Nur studiert. Vor dem Praktikum hat sie sich stets gedrückt. Wenigstens vor dem echtem harten Praktikum. Sie hat das Praktikum eher zwischen ihren Beinen absolviert. Auch hart genug. Bei den Ausbildern. Bei ihr bildeten sich ganz andere Muskel als bei Rosi. Auch die Stimmbänder werden entsprechend trainiert.
„Ich bekomme schon Warzen im Gesicht“, klagt Rosi unbeirrt weiter. Sie überhört gekonnt die schnippischen Bemerkungen Melindas. Melinda spürt das an ihrem Blick. Sie verdrückt sich kleinlaut in die Küche des Heimes.
„Da müssen wir dringend Etwas unternehmen“, sagt Gustav. Er schreibt ihr Etwas auf.
Rosi liest das nach der Reinigung. Sie soll sich bei einem Arzt melden. Der unternimmt sicher Etwas dagegen. Rosi sieht das lediglich als Beruhigung. Nicht als Behandlung. Sie hat bei verschiedenen Ärzten schon Vieles erfahren. Nur selten das Passende. Sie hat auch kaum das Geld, sich behandeln zu lassen. Ihr schmerzt schon das fortwährende Stempelgeld. Vom alten Landesvater hätte sie eher eine Befreiung davon erwartet. Vielleicht das nächste Mal.

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