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Wintersaison-überraschend frei

Unsere Salzdiätkundin isst also Brot, Marmelade, Kuchen, Kekse und vieles mehr. Das ist alles mit Salz. Ich frage Andreas, ob unser Essen salzarm oder salzfrei sein soll. Sie hätte salzfrei gesagt. Wir kochen fünfzehn verschiedene Essen und sollen jetzt die fünf bestellten Gänge, ohne Salz kochen. Das macht dann schon mal zwanzig verschiedene Essen. Wir warten mal ab, ob eventuell, noch ein Fall von Diät dazu kommt. Nicht, dass wir vielleicht noch Töpfe bestellen müssen. Andreas hat die Dame etwas befragt und beraten und plötzlich möchte sie nur noch salzarme Kost. Andreas hätte das falsch verstanden, meint sie. „Ich hab ihr einfach gesagt, was sie bereits zum Frühstück verzehrt hat“, sagt Andreas zu mir. Plötzlich wäre sie gesund geworden. „Rot ist sie aber nicht geworden“, sagt er. „Da hat sie ja Blutarmut. Die müsste Salz essen“. Es ist schon auffällig, dass ausgerechnet die dünnen, „gesunden“ Menschen, die meisten Allergien und Unverträglichkeiten anzeigen. Mangelernährung verändert wahrscheinlich auch das Gehirn. Damit haben wir das schon mal geklärt. Auf den Bestellungen für das Abendmenü sind aber noch andere Unverträglichkeiten markiert. Es sind, zusammengerechnet, sechs. Zum Glück können wir das mit dem Auslassen der entsprechenden Zutaten bedienen. Keine Extrawünsche. Die Tür geht auf und die Carmen steht in der Küche. Sie hat sich so vorgestellt. Carmen ist von der Rezeption und einheimisch. Sie hat das Gästebuch unseres Hotels unterm Arm und zeigt es mir.
Im letzten Eintrag steht: „Der Koch kann auch nicht Alles“. Carmen ist etwas zornig ob des Eintrages. Ich überfliege den Eintrag und stelle fest, dass nichts Konkretes dabei steht. Soll ich raten? Was ist das für ein Eintrag? Ich frag die Carmen, ob die Gäste vielleicht nicht bezahlen konnten oder wollten. „Die wollen die Kosten der Resttage nicht bezahlen.

In der Saison!“, hätten sie gesagt. So, als ob es dem Hotelier möglich wäre, ein noch warmes Bett zu belegen. Die Frechheit nimmt schon Ausmaße an, bei denen die Spucke im Hals stecken bleibt. Sie wollten weniger bezahlen, auch wegen der massiven Qualitätsmängel. Carmen fragt mich, ob es irgendwelche Reklamationen gegeben hätte am Vorabend. „Keine“, sag ich ihr. Samir ruft vom Aufwasch aus. „Ich bekomme nur leere Teller.“

‚Er belauscht jedes Gespräch‘, denk ich mir. Wir fragen noch schnell Andreas, ob es Bemerkungen oder Reklamationen gab.
„Nichts“, sagt er. Warum dann dieser saublöde Eintrag? Rache? Für was? Die Stimmung in der Küche wirkt gleich etwas aufgeladen. Geschrieben hat den Beitrag eine Dame, wie scheint. „Was will die blöde Kuh?“, fragt Samir sichtlich aufgebracht und schlägt die Seiten vom Gästebuch um als wollte er sie raus reißen. „Die wollen nicht zahlen“, war sein Fazit. Warum umständlich, wenn es einfach geht. Wenn ich kein Geld habe, fahre ich nicht in den Urlaub. „Nene, die haben schon Geld“, sagt Carmen und verweist auf das Fahrzeug, in dem die Gäste ankamen. „Die Frau war teuer angezogen“. ‚Ja, wenn es die Frauen nicht wissen, was sollen wir dazu sagen?‘, denk ich mir. Unsere Zeit läuft weg. Wir können uns nicht stundenlang mit einem blöden Eintrag befassen. „Reiß die Seite raus“, sag ich zu Carmen. „ Das sieht man“. „Geh zum Chef und rede das mit ihm aus. Wir können das nicht nachvollziehen“. Eine halbe Stunde ist jetzt weg, wegen diesem Eintrag. Was sollen die Gäste denken, die jetzt aus Zeitmangel, ein improvisiertes Essen bekommen. Die Einträge sind dann echt. Daniela hat sich kaum eingemischt und steht schon mit den vorbereiteten Salatbeilagen vor uns. Die Knödel sind fertig und das Sauerkraut koste ich schnell noch. Pfui.

„Soltan, hast Du das schon abgeschmeckt?“

„Nein, mach Du.“

„Du hast das Sauerkraut nicht gewaschen?“

„Die waschen das hier nicht. Die wollen das so streng.“

Ich schnappe mir den Topf und gehe unter den Wasserhahn. Wasser drauf, umrühren, abgießen und neu abschmecken, war die Devise. Nochmal kosten – schmeckt. Jetzt kann ich es anständig würzen.

Essen und Nahrungsmittel in ihrer Urform, sind nicht giftig und auch nicht schädlich. Ihr Körper sagt Ihnen, wenn er etwas nicht möchte. Sie haben einfach keinen Appetit auf das Essen, das vor Ihnen steht.
Unsere Sauce ist jetzt fertig. Den Braten schneiden wir erst, wenn unsere Gäste da sind.
Das Thema Nummer eins beim Personalessen ist der gestrige Umtrunk. Ehrlich gesagt, wundert mich jetzt Nichts mehr. Ich bin eher erstaunt über unser gestriges Menü. Wir haben das trotz Trubel, gut hinbekommen. Der Chef kommt kurz hinzu und fragt, ob ich Soltan schon richtig eingewiesen habe. Soltan bestätigt das. „Du hast morgen frei“, sagt dann der Chef zu mir. Ich schaue rüber zu Soltan. Der nickt mir zu. „Was willst Du morgen kochen?“, frag ich ihn. Der freie Tag kommt sehr überraschend für mich.
„Wir schauen dann gleich mal im Kühlhaus“, sag ich ihm. Ein zweiter Koch hat normal keine Probleme, das Menü zu kochen. Soltan, nach meinem Eindruck, schon gar nicht. Er könnte, ohne Weiteres, auch als Chefkoch arbeiten. Mir geht jetzt durch den Kopf, welche Vorstellungsrunde wir morgen fahren und, ob wir erst zu Hause vorbeischauen.
Kurzerhand gehe ich vor die Tür und rufe meine Frau an. Sie bekäme auch frei.


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